Aller guten Dinge sind drei

28.12.2002
 

Harry wischt sich die Schweißperlen von der Stirn, nimmt einen großen Schluck selbstgebrannten Obstschnaps zu sich, stößt kurz auf und erzählt uns beiden ein paar Anekdoten über sein Heimatland Indonesien.
"Indonesien", betont er während er nochmals an der Plastikflasche nippt, "ist bekannt für drei Dinge: Korruption, Terrorismus und Kinderkriegen."
Seit kurzem befinden wir uns in Nord-Sumatra, der größten von fast 7000 indonesischen Inseln. Bis nach Bali sind es noch einige tausend Kilometer, genug Zeit also, um den drei bekannten Dingen über Indonesien, die Harry - nochmals uns zuprostend - mit erhobenem Zeigefinger wiederholt, auf den Grund zu gehen: Korruption, Terrorismus, Kinderkriegen.
Eines scheint festzustehen, Harrys Heimatland ist nicht bekannt für seinen Alkohol, denn der schmeckt fürchterlich.

Es dauert nicht lange und wir erkennen, wie das System hierzulande funktioniert. Nach einer schweißtreibenden Fahrradwoche inmitten von beeindruckenden Vulkankraterlandschaften ruhen wir unsere erschöpften Waden in einem schäbigen Guesthouse an der Westküste Sumatras aus. Eines Nachts werden wir durch lautes Hämmern und Brüllen an unserer Tür aus dem Schlaf gerissen. Tobi kriecht unter seinem Moskitonetz hervor, fragt was denn sei, und schon stehen vier völlig betrunkene Polizisten, alle mit Maschinengewehren bewaffnet im Raum. Man stellt dumme Fragen, stöbert hier und dort ein wenig herum und verursacht "viel Lärm um nichts." Genauso schnell wie die Jungs in Uniform unseren Raum betreten hatten, verlassen sie ihn auch wieder und verschwinden grölend im Dunkeln.
Der Hotelbesitzer entschuldigt sich bei uns am nächsten Morgen für den Vorfall und fügt hinzu, dass so etwas normal sei. Die Exekutive des Staates behält sich solche "Rechte" vor. Schmiergeld wirkt Wunder und selbst Alkohol scheint als Zahlungsmittel, wie in unserem Falle, akzeptiert zu werden.
Korruption: Nährboden für Terrorismus?
Den einzigen Terrorismus, den wir zu spüren bekommen, ist erneut die Gesetzlosigkeit der Strasse. Der Größere gewinnt: Punkt aus. An sich nichts Neues, denn wir haben uns schließlich schon durch Pakistan, Indien und Vietnam gekämpft. Sumatra, Java und Bali stehen ihren Konkurrenten in keiner Hinsicht etwas nach. Wir sind somit fast täglich Terroranschlägen von rücksichtslosen Truckern und Motorradfahrern ausgeliefert, die uns mit ihrem Lärm und Abgasen wieder mal an den Rande des Wahnsinns treiben.
Das Ergebnis eines wahren Terroranschlags bekommen wir dann schließlich in Bali zu sehen, genauer gesagt in Kuta, der Touristenhochburg der Insel, südlich der Hauptstadt Denpasar. Zur damaligen Zeit des Attentats radelten wir noch in den Ausläufern des Himalayas in Westnepal auf und ab. Über das Internet erfuhren wir von dem schrecklichen Bombenanschlag vor der lebhaftesten Disco (Sari-Club) im Zentrum Kutas. Nun stehe ich mitten am Tatort und kann es kaum fassen, was in diesem Surfer Paradies vor knapp einem halben Jahr passiert sein muss. Ganze Häuserblocks sind dem Erdboden gleich, immer noch ein riesigen Trümmerfeld in mitten der einst so belebt Hauptstraße.
Dem "Straßenterror" sind wir zwar fast täglich ausgesetzt, doch sobald wir vom Sattel steigen, sieht die Welt gleich ganz anders aus. Freundlich und interessiert, manchmal allerdings auch etwas zu wild und euphorisch, werden wir von den Einheimischen wahrgenommen und empfangen. Wie in jedem anderen Muslimischen Land wird auch hier Gastfreundschaft groß geschrieben. Wir sehen keine brennenden Amerika-Flaggen, wie sie immer im Fernsehen gezeigt werden, und werden von der indonesischen Jugend, die sich hier und dort stolz mit Osama Bin Laden T-Shirts kleidet, herzlich aufgenommen. Womit wir beim dritten Punkt angelangt wären: dem Kinderkriegen
Zwei Wörter beherrscht der Indonesier schon von klein auf: "Hello Mister!" Die Begrüßung sollte uns durch das ganze Land begleiten. Selbst im weniger dicht besiedelten Sumatra gab es wohl kaum einen Busch, aus dem kein "Hello Mister" ertönte. Das Interesse an uns ist groß und manchmal ähneln Stadtdurchfahrten einer Schallplatte mit Sprung und dem immer gleichen Titel: "Hello Mister!"
In Indonesien, so scheint mir, macht so jeder was er will. Die Polizei zieht betrunken durch die Straßen, junge Leute tragen Osama Bin Laden T-Shirts und die Amerikaflagge als Kopftuch, Straßenhändler berechnen uns für eine Nudelsuppe mal den fairen mal den doppelten oder dreifachen Preis, Rauchverbotszeichen werden grundsätzlich missachtet und mal wird auf der linken, mal auf der rechten Seite der Straße gefahren. Doch zwei Wörter bringen sie alle wieder auf einen gemeinsamen Nenner: "Hello Mister!"
Wir verbringen ca. 2 Tage auf einem Passagierschiff und schippern entlang der Westküste Sumatras nach Yava. Diese sogenannten "Pelni Ships" sind mit das wichtigste Verkehrsmittel in der Inselwelt Indonesiens. Die Kreuzer entsprechen dem Europäischen Standard von vor 20 Jahren und bieten, zumindest laut Werbebroschüre, von Liegeräumen bis zu First Class Suiten, alles was das Herz begehrt. Unsere Vorfreude auf die angekündigte Bibliothek und eine Grossbildleinwand mit Hollywoodstreifen schwillt allerdings nach Ablegen des Schiffes schnell ab. Ersteres existiert nicht mehr und statt Spielberg & Co bestimmt die Indonesische Männerwelt das Filmprogramm. Für umgerechnet 1 Deutschmark stehen eine Menge von Schnauzbärten Schlange für Klassiker wie "Hongkong Girl" und "Midnight Affairs". Zu ganz später Stunde werden auch mal Streifen wie "Dick, Dick, Dick" über die Sprechanlage angekündigt.
Wir scheinen die einzigen "Westler" auf dieser Fahrt zu sein, stehen somit mal wieder im Mittelpunkt und empfangen von jung bis alt ein herzliches "Hello Mister!"
Die etwas Mutigeren arbeiten dann meist bei uns einen ähnlichen Fragenkatalog ab. Hier ein kleiner Ausschnitt eines Schiffskinobesuchers:

Indonesier (I): Hello Mister!
Sebastian (S): Hello Mister!
I: You from?
S: From Germany
I: Ah, Germany. Very good! (macht einen Schumi-Daumen)
You are married?
S: No, I'm single. I'm not married
I: You travel alone?
S: No, I'm travelling with a friend of mine
I: Your friend boy or girl?
S: (grübelnd) My friend is a boy
I: (schmunzelnd) Ah, boyfriend, yes.
S: Yes, yes
I: Ah, You like boys? You gay?
S: No, not that I know. (schiele dabei auf ein vorbeilaufendes, hübsches indonesisches Mädchen und erwidere meinem Gesprächspartner) Do you think she is pretty?
I: (wechselt enttäuscht das Thema) Where you go?
S: We are going to Yava and Bali.
I: Ah, Bali. Osama Bin Laden
S: Yes, yes

Je nach Ausdauer der Gesprächspartner enthält der Fragenkatalog noch Fragen über das Alter, wie man Indonesien erlebt, was man von der Küche hält, usw.
Es ist nicht immer leicht, aber wir bemühen uns stets höflich und aufmerksam zu sein, auch wenn es aufgrund der immer wieder gleichen Fragen viel Disziplin und Geduld erfordert.
Ja, in der Tat. Wir waren stets freundlich zum Indonesischen Volk, manche haben wir sogar glücklich gemacht. Ja, wir waren Glücksengel.
Auf der bevölkerungsreichsten Insel, Yava, gab es die Glücksengel gleich im Doppelpack. Einen sensationellen Live-Auftritt vor mehr als 300 feiernden Indonesiern, dessen detaillierten Ablauf Tobi in seinem neuen Reisebericht beschreiben wird und die Geschichte des Gucci-Portmonee, welche im folgendem erzählt werden soll.
Wir befinden uns mittlerweile in Ost-Java, unweit von Bali, in der zweitgrößten Stadt Indonesiens, Surabaya. Es ist Freitagabend, wir gönnen uns ein kühles Bier in einer lebhaften Bar und machen uns kurz nach Mitternacht zurück in unser kleines Hotel. Auf dem Heimweg stoßen wir ein ockerfarbenes Gucci-Leder-Portmonee am Straßenrand. Bargeld, Führerschein, Ausweis, Fotos, sonstige Papiere, alles drin. Wir beschließen den Fund nicht bei der vertrauenswürdigen Polizei abzugeben. Das Passfoto der äußerst attraktiven Eigentümerin, Yuyun, hat uns überzeugt, wir bringen das Gucci-Imitat persönlich vorbei. Die Vorfreude am nächsten Tag ist groß. Auf dem Weg ca. 40 Kilometer südlich von Surabaya in Yuyuns gemeldeten Wohnort, malen wir uns schon den Empfang und das Dankeschön in den schönsten Phantasien aus: Finderlohn, ausgelassene Freude und Begeisterung über unsere Aufrichtigkeit, eine Indonesische Schönheit, und und und. Doch wie so oft, kommt dann doch alles anders, als man denkt. Wir erreichen Yuyuns Elternhaus umringt von vielen neugierigen Anwohnern. Es prasseln unzählige "Hello Mister"-Rufe auf uns herab bis ein junger Mann aus der Nachbarschaft auf uns zukommt und seine Hilfe anbietet. Wir vergewissern uns bei ihm, ob dies auch wirklich das Haus von Yuyun sei und klopfen schließlich an die Tür. Die Großmutter, wie sich später herausstellt, öffnet die Tür, mehr oder weniger verblüfft über unsere Anwesenheit. Yuyun ist natürlich nicht zu Hause, und Oma ist nicht sonderlich begeistert von unserem Fund. Yuyuns Schwester kommt kurze Zeit später dazu und rettet ein wenig die peinliche Situation. Wir verständigen uns mit Händen und Füßen und mit einigen Englischbrocken, und die Familie bedankt sich immerfort mit einem "thank you very much". Tobi und ich sitzen mittlerweile im Wohnzimmer des Gastgebers. Unsere Blicke kreuzen sich, als wenn sie sagen wollten:" Na, wann kommt denn jetzt endlich der verdiente Schweinebraten mit Sauce?" Yuyun wird telefonisch über den Fund informiert, und man sagt uns, wir sollten noch ein wenig bleiben, ihre Tochter macht sich gerade auf den Weg nach Hause. Wir warten geduldig und lächeln. Vielleicht wird ja doch noch was aus dem Schweinebraten. Eine Cola würde es auch schon tun. Großmutter verschwindet in die Küche und wir reiben uns schon die Hände. Jetzt geht's los. Kurze Zeit später kommt sie zurück mit in Flaschen gefülltem kalten Leitungswasser. Ich blicke etwas enttäuscht zu Tobi hinüber. Zwei Dumme, ein Gedanke. Nach einer Viertelstunde verlässt die ältere Schwester den Raum zurück zur Küche. Ah, der Schweinebraten ist jetzt wohl durch. Doch statt einer erhofften Finderlohnsmahlzeit gibt es noch mehr kaltes Leitungswasser. Mittlerweile ist Yuyun zu Hause eingetroffen und anscheinend noch mehr verblüfft über unser Antlitz als zuvor ihre Familie. Alles wohl ein bisschen zu viel für das hübsche Ding. Am Tag zuvor verliert sie ihre Portmonee mit Bargeld und sämtlichen wichtigen Papieren und keine 24 Stunden später stehen da zwei bunte Vögel im Raddress mit ihrem gefundenen Geldbeutel, ehrlich und aufrichtig und zudem behauptend, von Deutschland aus mit dem Fahrrad nach Indonesien gefahren zu sein. Das ist wohl eindeutig zu viel der Glaubwürdigkeit. Egal, wir machen das Beste draus, nehmen noch einen großen Schluck Leitungswasser und machen uns wieder auf die Socken.
Immerhin - es war eine gute Tat.
Wir belohnen uns am selben Abend mit einem kleinen Hotelzimmer, Chips, kühlem Bier und Kabelfernsehen.
Was meinte Harry zu Beginn unserer Tour durch Indonesien? Korruption, Terrorismus, Kinderkriegen? Da ist auch sicherlich etwas dran. Zurückblickend auf meine Erfahrungen mit Mensch und Kultur in diesem Land bleiben für mich freundliche Menschen, atemberaubende Landschaften und gutes Essen in Erinnerung…auch wenn es keinen Schweinebraten gab.

 

E-Mail an Sebastian

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