Apocalypse Now

01.09.2002
 

Die Blätter des Deckenventilators ziehen rauschend ihre Kreise und versuchen die Abendhitze ein wenig zu reduzieren. Im Walkman lasse ich zum x-ten Mal eine alte Doorskassette runterleiern. Das Ganze erinnert mich an die Anfangsszenen aus Coppolas Apocalypse Now.
Wir befinden uns in einem Backpackerhotel in Bam, Irans legendärer Wüstenstadt am Rande der Dasht-e-Lut Wüste, am Anfang Baluchistans. Als ich meinem Vater erzählte, ich wolle im Hochsommer durch den Iran fahren, hat er mich ausgelacht und dann, als er wieder ernst wurde, erklärt, dass das aufgrund der Hitze einfach nicht ginge. Bis hier hin habe ich Ihn eines Besseren belehrt. Es war heiß in den letzten Wochen, 40 Grad im Schatten und mehr. Das Wasser in den Trinkflaschen und das in meinem zusätzlich montierten 10 l Kanister war auf Teewassertemperatur gestiegen und schmeckte meist etwas faulig. Einige Dichtungen versagten, das Kettenöl haftete nicht mehr und unsere teuren Marathon XR Mäntel hatten die Konsistenz von Kaugummis. Die Strecken waren anstrengend und landschaftlich gesehen eher öde. Eine gleichbleibende steinige Steppenlandschaft ohne irgendwelche Reize. Während Sebastian unterwegs meistens Ohrstöpsel benutzte, um das nervige Hupen der vorbeifahrenden Autos zu überhören, setzte ich Walkmankopfhörer auf und verfiel im gleichbleibenden Trittrhythmus in eine Art Trancezustand. Wir dachten an zu Hause, träumten schweigend von kühlem Bier und philosophierten geistig über Gott und die Welt. Die alten Doorssongs klangen immer wieder neu; Morrisons Worte bekamen unter der Mittagssonne einen neuen Sinn. Insgesamt hatten wir nach 1700km vom Iran genug gesehen und waren gespannt auf Pakistan. Alles sprach dagegen, die letzten 400 km bis zur Grenze mit dem Fahrrad zurückzulegen:
1. Eine Fahrkarte in einem modernen klimatisierten Bus von Bam kostete umgerechnet weniger als das hiesige berliner BVG-Ticket.
2. Die Strecke würde mitten durch die Wüste gehen und hitzetechnisch alles Bisherige wortwörtlich "in den Schatten" stellen.
3. Unterwegs gibt es kaum Dörfer oder Stops, an denen man Wasser bekommen kann.
4. Baluchistan ist kein ungefährliches Pflaster. Die hiesigen Baluchen verdienen ihr Geld in der Region fast ausschließlich durch Schmuggel. Hauptsächlich werden Drogen geschmuggelt aber auch Kleidung und Rohstoffe. Die Waren kommen meistens aus Afghanistan oder Pakistan. Die Behörden haben den Kampf gegen den Schmuggel längst aufgegeben bzw. verdienen daran mit (dazu später mehr).
Seit dem 11. September sind hier vermehrt afghanische Flüchtlinge unterwegs. Angeblich gibt es eine inoffizielle Absprache, dass tagsüber die Polizei das Sagen hat und nach Sonnenuntergang die Exekutivgewalt in die Hände der Baluchen übergeht. Der Lonely-Planet Reiseführer rät von Individualreisen dringend ab, außer mit einer sogenannten "armed escort". Letztlich gibt es nur eine Sache, die mich an der Strecke wirklich reizt: Es würde unsere einzige echte Wüstendurchquerung werden. Bisher ging es zwar stets am Rande der Wüste entlang, aber nie wirklich durch eine solche staubig trockene Ebene. Während mir langsam die Augen zufallen, stelle ich mir eine riesige weiße Fläche vor, darüber ein blauer Himmel und wir mit unseren Rädern in der Mitte. Um uns herum totale Einsamkeit und Stille. Kein Haus, kein Baum, kein Mensch. Nichts, einfach nichts. Am nächsten Morgen kommen wir zögerlich in die Gänge. Langes Ausschlafen, Stadtbesichtigung und verspätetes Mittagessen. Es ist bereits Nachmittag, als wir aus Bam rollen. Ein heißer Fön schlägt mir entgegen. Gegenwind. Wir fluchen und schwärmen uns gegenseitig die Ohren voll, von den Bequemlichkeiten eines klimatisierten Busses. Ins Schwitzen kommen wir gar nicht. (An alle, die mir ständig viel Spaß beim Schwitzen wünschen: Ich schwitze nicht ). Durch die Sonneneinstrahlung und die trockene heiße Luft, verdampft jede Feuchtigkeit in Sekunden. Unsere Haut ist knochentrocken und stets mit einer leichten Salzkruste überzogen. Seit der Türkei benutze ich kaum noch Sonnencreme, so dass mein Gesicht, meine Arme und Beine mittlerweile dunkelbraun verfärbt sind. Langsam kämpfen wir uns vorwärts und stellen erstaunt fest, dass sich am Himmel Wolken bilden. Eine absolute Seltenheit in der Region, besonders zu dieser Jahreszeit. Die Sonne verschwindet hinter dichten grauen Wolken. Plötzlich spüre ich die ersten dicken Tropfen im Gesicht. Regen in der Wüste. Nach über zwei heißen Monaten in der Türkei und im Iran ein echtes Geschenk. Die dicken Tropfen schlagen auf den aufgeheizten Asphalt und verdampfen zischend. Eine neblige Dunstwolke bildet sich entlang der Straße. Das Naturschauspiel beginnt: dunkle Wolken ziehen sich in Sekunden über uns zusammen, die Umgebung wird in kurzen Abständen durch Blitze aufgehellt. Dann setzt der Regen aus - dafür schlägt uns ein heftiger Wind entgegen, unterstützt von einer Sandböe, die uns schmerzhaft gegen die Waden peitscht. Ein Gefühl von tausend Nadelstichen. So ungefähr stelle ich mir den Schmerz vor, wenn sich Frauen ihre Beine epilieren. Was folgend passiert, hat jeder von uns drei Radfahrern vermutlich etwas anders erlebt. Ich erinnere mich an eine Wand aus hellbraunem Sand, die auf uns zugerast kam. Sie fegt mich mit unheimlicher Wucht vom Rad an den Straßenrand. Am Boden liegend, rolle ich mich zur Kugel zusammen und halte mir die Hände vor Gesicht und Mund. Der Sandsturm brüllt mit einer ohrenbetäubenden Lautstärke, der Sand dringt überall ein, in Ohren, Nase und Mund. Ich versuche, hinter meiner eng anliegenden Sonnenbrille, die Augen zu öffnen. Alles ist dunkel, man kann nichts erkennen. Wie lange der Sandsturm anhielt, konnte später keiner mehr sagen. Es werden nicht mehr als ein paar Minuten gewesen sein. Sebastian brüllt irgendetwas, ich kann ihn nur schwer verstehen aber er scheint nicht weit von mir entfernt zu sein. Der Druck des Sandes scheint nachzulassen, ich richte mich auf und stelle fest, dass der Sand nur noch in Hüfthöhe fegt, während über uns schon wieder die Sonne am blauen Himmel steht. Wir fangen an, uns zu sammeln. Schaden an Mensch oder Material gibt es keinen. Alles ist mit einer staubigen Sandschicht überzogen; Kette und Schaltung erzeugen hässliche Geräusche. Im Weiterfahren gelangen wir wieder unter die dichte Wolkendecke. Der Regen setzt erneut ein. Die anfängliche Freude über den kostenlosen Waschgang vergeht, als der Schauer in einen Sturzregen übergeht. Es schüttet aus vollen Kübeln. In den Regen mischen sich Hagelkörner, die uns, vom Wind beschleunigt, ein zweites Mal an den Straßenrand bringen. Das selbe Procedere ein zweites Mal: ich rolle mich neben meinem liegenden Rad zur Kugel. Sebastian hat es irgendwie noch geschafft, sich unter sein Rad zu legen. Er brüllt, ich solle es ihm nachmachen. Beim Versuch, mich aufzurichten, peitscht mir der Hagel so heftig ins Gesicht, dass ich mich entscheide lieber liegen zu bleiben. Die Umgebung hat sich inzwischen zu einer matschigen Schlammebene verwandelt. So schnell wie das Unwetter kam, so abrupt hört es auf. Christian sucht ca. 100 m entfernt seine Sonnenbrille. Als er sie findet, fängt er vor Freude an zu tanzen. Ich stelle mich mit auf die Strasse und führe unter dem rauschenden Beifall der letzten Regentropfen ein paar Travolta-Tanzschritte vor und versuche den Moonwalk auf dem nassen Asphalt. Als Abschluss meines Regentanzes folgen ein paar Purzelbäume - nasser und dreckiger hätte man eh nicht werden können. Ein Tanklaster taucht auf und hält auf der anderen Straßenseite. Der erstaunte Fahrer will die Tür öffnen, unterschätzt aber den immer noch orkanartigen Wind. Die Tür wird ihm mit solcher Gewalt aus der Hand gerissen, dass sich die Scharniere verbiegen und sie laut krachend ein paar Risse in die Frontscheibe schlägt. Wir schwingen uns ein zweites Mal auf die Räder. Trotz der Abendhitze bleiben die Sachen nass. In der Dämmerung treffen wir auf die letzte Tankstelle vor dem Nichts. Kurze Beratschlagung. Wir sprechen einen Truckfahrer an und er erklärt sich bereit, uns für umgerechnet knapp 4 Dollar mitzunehmen. Die Räder werden umständlich in der Dunkelheit verstaut, ich bestehe darauf, auf der offenen Ladefläche zu bleiben, während Sebastian und Christian vorne in die Fahrerkabine steigen. Es geht los. Der Fahrtwind trocknet in kürzester Zeit die Sachen. Auf der Ladefläche richte ich mich zwischen Rädern, Taschen und Transportgut ein und betrachte den Sternenhimmel. Von der Wüste ist nichts zu erkennen. Nach einer Stunde geht der Mond auf und beleuchtet schimmernd die Umgebung. Angestrengt starre ich in die Nacht und versuche die Wüste zu erkennen. In einer Radtasche finde ich Pistazien, Pfirsiche und den Walkman. Morrison singt "Riders on the Storm" als Einschlafmelodie. Abruptes Bremsen und Scheinwerferlicht reißen mich aus dem Schlaf. Zahedan, der letzte große Ort vor der pakistanischen Grenze ist erreicht. Vor der örtlichen Polizeistation halten wir an und laden, umringt von dämlich grinsenden Beamten, unsere Sachen aus. Der Truckfahrer nervt mit höheren Geldforderungen. Im Nachhinein bekomme ich erzählt, dass Sebastian und Christian den ständig am Steuer einschlafenden Trottel mit Schlägen und durch Anbrüllen wach halten mussten. Keinen Pfennig hat er sich mehr verdient! Wir schieben unsere Räder hinter die Polizeistation. Es stinkt widerlich nach Hundescheiße, doch wir sind zu müde und verdreckt als dass uns solche Details noch am Schlaf hindern könnten. Die Isomatte wird ausgepackt und es wird in Klamotten geschlafen. Am Morgen steuern wir die ca. 100 verbleibenden Kilometer bis zur Grenze an. Unterwegs rammt ein Baluche in einem Kleinwagen Christians Rad von hinten, so dass er einen ordentlichen Satz nach vorne macht. Es kommt zum Tumult, Christian springt wutentbrannt brüllend auf die Motorhaube und will dem Auto die Scheibenwischer abbrechen. Es gelingt uns schwerlich, die Gemüter zu beruhigen. Am frühen Nachmittag erreichen wir den letzten Militärposten vor dem iranisch-pakistanischen Niemandsland.
Die Männer, die uns an einer Schranke stoppen, sehen bedrohlich aus. Kaum einer trägt eine Uniform. Eine wilde Mischung aus Grenzern und Schmugglern und mit allem bewaffnet, was man als Waffe verwenden kann. Ein grimmiger Rauschebart ohne Uniform schnappt sich die Kalaschnikow eines Soldaten und fängt an, in die Luft zu schießen. Ich zögere, als ein weiterer Uniformierter mit einem Axtstiel unterm Arm auf mich zutritt und die Pässe verlangt, während ein Zweiter mich misstrauisch mustert und mit einem Messer gegen meinen Wasserkanister klopft. Hier gilt die alte Devise: Immer lächeln. Zwei Stunden später sitzen wir Milchtee trinkend im Büro des pakistanischen Grenzposten. Wir entspannen uns ein wenig und ich gehe meiner Lieblingsbeschäftigung nach; mit den Geldwechslern der Grenze um Umtauschkurse zu feilschen. In der Regel kennen wir die Kurse und sind auf den Handel meistens glücklicherweise nicht angewiesen. Das Handeln mit dem Busfahrer über Fahrtpreise gestaltet sich als schwieriger. Es ist der letzte Bus nach Quetta an diesem Tag und wir sind in einer ungünstigen Verhandlungsposition. Die 14-stündige Busfahrt gestaltet sich ebenso alptraumhaft. Kein guter Start in Pakistan. Der Bus ist völlig überladen. Eine wilde Mischung aus Baluchen, Iranern, Paschtunen und afghanischen Flüchtlingen. In den Gängen und selbst auf dem Armaturenbrett des Busses liegen Menschen. Der Bus hält ständig. Entweder zu einer der fünf (!) Gebetszeiten, an Polizeikontrollposten oder um Schmuggelgut aufzuladen. Einmal halten wir mitten im Nichts, als plötzlich eine Gruppe Baluchen aus der Dunkelheit auftaucht, um Schmugglergut auf das Dach zu laden. Kurze Zeit später halten wir an einer Polizeikontrolle. Das System hier ist sehr einfach. Je nachdem, ob oder wie viel Bestechungsgeld bezahlt wird, desto genauer bzw. ungenauer ist die Kontrolle. Vor unseren Augen zieht der grinsende Beamte dem Busfahrer die Scheinbündel aus der Hosentasche. Uns drei bittet man ins Stationshäuschen und lässt uns in eine Art Gästebuch eintragen. Im Laufe der Zeit habe ich mich unter allen möglichen Namen, von Ariel Sharon, bis Gina Wild, in diese nutzlosen Bücher eingetragen. Die Beamten können sowieso keine lateinischen Letter lesen. Ein anderes Schicksal erleiden die illegal eingereisten afghanischen Flüchtlinge. Auch sie sollen zur Kasse gebeten werden, weigern sich aber zu zahlen und werden daher kurzerhand eingesperrt. Als der Bus schon wieder losfährt, entscheiden sich die Grenzer um und scheuchen die Afghanen unter Schlägen mit einem Gürtel in den Bus. Scheinbar hatten sie keine Lust, die Jungs im Knast durchzufüttern. Der ganze Bus lacht über das obskure Szenario. Am nächsten Vormittag steigen wir, deutlich gezeichnet, aus dem Bus. Christians Rad wurde beim Transport leicht beschädigt und so springt er wieder brüllend auf dem Bus herum und droht, die Scheibenwischer abzubrechen, sollte er keinen Schadensersatz kriegen. Uns ist das Theater zu viel und so fahren wir ins erstbeste Hotel vor. Hier liege ich seitdem mal wieder im Bett und starre auf den Deckenventilator. Eine weitere Magendarminfektion hat mich umgeschmissen und ich schlucke schwere Antibiotika. Quetta ist zum Umfallen heiß und die wohl dreckigste Stadt, die ich jemals gesehen habe. Von Wüste, Staub und Hitze haben wir eigentlich genug. Die alte Doorskassette leiert "The End" und ich träume von Stränden in Südostasien.

Toby

 

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