Blitzlicht (Ex-)Jugoslawien

15.05.2002
 

Geschafft, das Meer. Vor uns liegen gute 1000 Kuestenkilometer. Entlang der Adria folgen wir den kurvenreichen Strassen. Die Ketten sind frisch geschmiert, die Speichen der Raeder nachgezogen, der Luftdruck ueberprueft. Unsere Fahrraeder rollen wie von selbst.
Die Landschaft ist fantastisch. Selten habe ich so ein kristallklares Meerwasser gesehen. Der Tourismus blueht hier an der Kueste, was wir besonders durch die hohen Preise fuer Lebensmittel zu spueren bekommen. Trotz vieler Warnungen vor Minen im Landesinneren, besonders abseits der Hauptstrassen, wollen wir nach einigen Tagen einen Blick wagen. Der erste Eindruck abseits der Kuestenstrassen ist erschreckend. Zerstoerte Haeuser, Bruecken, wahre Geisterstaedte. Vereinzelt bellende Hunde deuten jedoch auf Bewohner hin. Die einzigen Leute die wir allerdings zunaechst zusehen bekommen sind Soldaten der SFOR.
Am 1. Mai rollen wir durch eine etwas lebhaftere Stadt. Kroatische Arbeiter am Strassenrand winken uns heran. Am Tag der Arbeit wird ein grosses Fest gefeiert. Es gibt Lamm, Weissbrot und Wein. Wir verstaendigen uns mit Haenden und Fuessen, geniessen die heimischen Spezialitaeten und finden mittlerweile immer groesseren Gefallen abseits der Touristenmeilen zu fahren.
Doch unser naechstes Ziel heisst zunaechst Neum, dem einzigen Bosnischen Kuestenort an der Adria. Ein guter Freund von Tobis Bruder hat uns fuer ein paar Tage die Schluessel fuer ein Ferienhaus ueberlassen. Endlich mal ausschlafen, Waesche waschen und am Strand relaxen. Groesster Luxus ist allerdings das Kabelfernsehen. Den letzten Bundesligaspieltag verfolge ich mehr oder weniger live vor dem Bildschirm.
Wir lernen Iviza kennen. Er ist Barkeeper und zeigt uns das zu dieser Jahreszeit noch recht spaerliche Nachtleben der Stadt. Dank Iviza bleibt uns allerdings auch das Bosnische Hinterland nicht verborgen. Er laedt uns zu seinen Eltern zu einem grossen Familienfest in einem Bergdorf im Bosnischen Hinterland ein. Boule (Botcha) erfreut sich in dieser Gegend groesster Beliebtheit. Tobi und ich studieren zunaechst eifrig die Regeln und werden schliesslich von den Bosnischen Senioren zu einem Spiel herausgefordert. Ob es an dem vielen guten Spezialitaeten lag, am reichlichen Bier, oder einfach nur an unserem Unvermoegen. Ich weiss es nicht. Sang und klanglos steckten wir eine 5 : 21 Niederlage ein. Im Radfahren haetten wir sie sicherlich geschlagen.
Es zieht uns wieder auf die Strasse. Die naechsten beiden Tage verbringen wir in Dubrovnik und Budva, zwei wunderschoene Altstaedte, wie aus dem Bilderbuch.
Nach unzaehligen Warnungen der Einheimischen verwerfen wir schnell unsere unspruenglichen Plaene durch Albanien und Mazedonien nach Griechenland zu fahren. Eine Faehre ueber Italien nach Griechenland ist uns zu teuer, so ziehen wir es erneut vor ueber Montenegro und Serbien nach Bulgarien ins Landesinnere zu fahren.
Die Preise fuer Lebensmittel im Inland fallen abrupt, dafuer nimmt das staendige Hupen der Autofahrer drastisch zu. Bremsen, Fahrwerk und Motor haben hier noch lange nicht so einen hohen Stellenwert am Auto wie die Hupe. Drei Grundmuster des Hupens kristallisieren sich bei unseren Serpentinenfahrten heraus:
Es wird gehupt
1. um uns anzufeuern
2. um uns warnen
3. bei huebschen Frauen
Und genau letzteres ist hier in Montenegro ein grosses Problem. In frueheren Zeiten segelten die Italienischen Koenige nach Montenegro, um sich an den vielen weiblichen Schoenheiten zu bereichern. Wir erreichen Podgorica, die Hauptstadt, und haetten am liebsten ein lautes Hub- bzw. Klingelkonzert gegeben.
(Tip: (an alle Deutschen Koenige zu hause) jetzt wisst ihr, wo ihr euren naechsten Sommerurlaub verbringen koennt)
Nach schweisstreibenden Tagesetappen belohnen wir unsere Tagwerk meistens mit einer grossen Portion Cevapcici mit Brot und Salat. Je weiter wir ins Landesinnere gelangen, desto herzlicher und gastfreundlicher werden die Menschen. Unser jugoslawischer Wortschatz erweitert sich von Tag zu Tag. Neben einem "hwala" (danke), einem "dobar dan" (Guten Tag) oder einem " ti ci jliepa" (du bist huebsch) koennen wir mitterweile sogar die Frage nach einer privaten Unterkunft nahezu akzentfrei aussprechen. Dies ist auch noetig, denn Auslaender wie wir zahlen in Gaststaetten und Hotels mehr als dreimal so viel wie die Einheimischen. Inzwischen koennen wir neben Zeltplaetzen, Gaststaetten und dem Wildcampen auch Garagen, Wohnzimmer und Gartenschuppen zu unseren Unterkuenften zaehlen.
Bis jetzt ist unsere Taktik immer gut aufgegangen. So wie vor kurzem in Prokupje, nicht weit entfernt von der Bulgarischen Grenze. Nach einem 140 km langen Hoellenritt erreichen wir erschoepft und ausgehungert die Innenstadt. Hotels und Gaststaedten sind ausgebucht. Es wird dunkel und wir haben immer noch keine Unterkunft. Sieht mal wieder nach Wildcampen aus. Mit unserem Bikeroutfit fallen wir allerdings in jeder kleineren Stadt auf wie bunte Hunde. Wir mischen uns unters Volk, bestellen ein Bier und etwas zu essen, die optimale Vorbereitung fuer die Kontaktaufnahme. Es dauert meistens keine fuenf Minuten, bis wir angesprochen werden. Die Leute sind neugierig, wollen wissen wer wir sind, was wir machen und woher wir kommen. Eine privaten Unterkunft steht dann meist nichts mehr im Wege. An diesem Abend nehmen uns Goran und Zoran zu sich auf. Am naechsten Tag durchbohrt uns die gesamte Familie mit Fragen. Sie wollen Bilder sehen, von Berlin, der Familie, der Freundin.
Abschliessend, mit Blick auf unsere 500 km lange Reiseroute durch das Serbische Bergland, immer brav an der Grenze zum Kosovo, sticht mir auf unserer ADAC-Reisekarte folgender Hinweis ins Auge:
(Zitat ADAC) "Von touristischen Reisen in den Kosovo und in das angrenzende Sued-Serbien wird dringend abgeraten"
Wie gut, dass wir beide keine touristische Reise machen

Sebastian

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