Der schwere Weg nach Istanbul

23.05.2002
 

Nach 3200 km liegt die tuerkische Grenze vor uns. Aus- und Einreisestempel sind schnell besorgt. Es kann losgehen. Uns erwarten mehrere tausend Kilometer tuerkischer Asphalt. Wir wollen zuegig nach Istanbul, doch der Weg dorthin erweist sich als aeusserst schwierig.
Da waere zunaechst der ueberaus aufmerksame tuerkische Kellner eines Tankstellenrestaurants. Bei 30 Grad im Schatten und 70 km im Sattel beschliessen wir gegen Mittag eine kleine Pause zu machen. Ein kleiner Snack soll es sein. Der besagte Kellner ueberrascht uns kurze Zeit spaeter mit einer Improvisation aus Wurst, Eiern, Obst und Gemuese. Alles in allem eine nette kleine Mahlzeit. Als der gute Mann uns jedoch eine Rechnung von umgerechnet 50 DM vorlegt, hat der Spass ein Ende. Wir sind auf jeden Fall nicht gewillt diesen hohen Preis zu zahlen. Mit der Zeit wird der Kellner lauter, wir auch. Wir bieten ihm nach langem hin und her einen fairen Preis, er winkt ab und schimpft. Kurze Zeit spaeter rollen wir auf unseren Raedern die Strasse herunter ohne eine einzige Tuerkische Lira bezahlt zu haben. Ohne schlechtes Gewissen grinse ich hinter meiner Sonnenbrille und freue mich fuer unsere Reisekasse.
Doch Istanbul ist noch lange nicht erreicht. Das zweite Hinderniss stellt sich am fruehen Abend ca. 50 km vor der Stadt am Goldenen Horn uns gegenueber. Kurz vor Daemmerung erreichen wir nach einem langen Radfahrtag den Ort Büyükcekemece. Wir sind uns zu diesem Zeitpunkt nicht sicher, ob wir es zu dieser fortgeschrittenen Zeit noch in das Grossstadtgewimmel wagen sollten. Nach den heutigen 130 km, den vielen LKWs und meinem elendigen Sonnenbrand im Nacken, wuerde ich am liebsten an Ort und Stelle einschlafen. Wie gerufen spricht uns ein Arzt im gebrochenen Deutsch am Strassenrand an. Auch dieser junge Mann erweist sich zunaechst als aeusserst hilfsbereit und gastfreundlich. Er laedt uns zu sich in sein Krankenhaus ein, gibt uns etwas zu trinken und bietet uns sogar an, die Nacht auf seiner Station zu verbringen. An Betten scheint es ja auf dieser Etage nicht zu mangeln. Als Dank dafuer laden wir ihn kurze Zeit spaeter zum Essen ein. Doch je mehr wir mit unserem "Gastgeber" ins Gespraech kommen, desto weltfremder erscheint er uns. Zunaechst will er uns weiss machen, dass wir morgen weiter Richtung Westen fahren muessen, um nach Istanbul zu gelangen. Danach prahlt er damit in dem Restaurant fuer uns einen guten Preis herausgehandelt zu haben. Komischerweise stimmte der Preis genau mit der Summe ueberein, die ich mit Hilfe der Preise auf der Karte errechnet hatte. Den Hoehepunkt seiner Verarschungstour servierte er uns dann schliesslich spaet abends, als wir zurueck auf der Station waren. "Es tut mir leid, aber Ihr koennt hier heute abend doch nicht uebernachten". In diesem Augenblick haette ich ihm am liebsten sein Stethoskop vom Hals gerissen, es ihm aufgesetzt und mit voller Lautstaerke in die Muschel gebruellt. Mittlerweile war es stockduster draussen und wir waren nun genauso weit wie vor vier Stunden. Als Entschuldigung drueckte er mir noch eine Salbe fuer meine immer noch sichtbaren Verbrennungsblasen (s. Bericht Expedition Alpen) in die Hand. Keine Angst, ich habe sie noch nicht benutzt. Dem Kerl traue ich kein Wort mehr. Wir fahren noch einen Kilometer bis an den Stadtrand und finden Unterschlupf in einem leerstehenden Haus.
Am naechsten Morgen trennen uns nur noch wenige Kilometer von der Perle des Orients. Doch die erste Begegnung ist ein unsanftes Erwachen aus dem Traum von der Stadt aus 1001 Nacht: Der Kampf auf den Strassen. Wir befinden uns mitten in der Rush Hour an einem Montag Morgen auf dem Weg zum Bosporus. Inmitten unendlich lange Blechlawinen schlaengeln wir uns langsam vorwaerts. Der ein oder andere von Euch mag sicher noch das uralte Computerspiel "Frog" kennen. Ziel des Spiels ist es den Frosch sicher durch den Strassenverkehr zu steuern. Nun bin auf einmal ich der Frosch, das Verkehrschaos entspricht ungefaehr Level 10 und ich habe nur ein Leben. Ohrenbetaeubender Laerm, staendiges aggressives Hupen, stickige Abgase, der Staerkere gewinnt. Trotz der bescheidenen Kilometerleistung ist die heutige Tour mindestens genauso anstrengend wie eine 100 km Alpenetappe.
Wir erreichen endlich die europaeische Seite von Istanbul, haben jedoch zu diesem Zeitpunkt keinen Nerv fuer die beeindruckenden historischen Bauten der Altstadt.
Ueber einen Kontakt meiner Mutter kommen wir bei Aysegül, einer Freundin, unter. Sie ist Heilpraktikerin und besitzt eine eigene Praxis im Stadtteil Üsküdar auf der asiatischen Seite Istanbuls. Eine Wohnung in ihrem Haus steht seit laengerem frei, unsere rettende Insel fuer die naechsten Tage. Von unserer Terrasse aus zeigt sich der Bosporus in seiner vollen Pracht. Tobi und ich sitzen an diesem Abend stundenlang auf dem Balkon mit Blick auf die europaeische Altstadt. Mit Raki und Efes Flaschenbier lassen wir die letzten 6 Wochen unsere Tour Revue passieren. Die Hagia Sophia, die Sultan Ahmet Moschee und der Topkapi-Palast werden in der Dunkelheit angestrahlt.
Insgesamt verbringen wir vier Tage in Istanbul, trainieren dabei unser Verhandlungsgeschick auf dem Agyptischen Basar, laufen uns die Fuesse platt durch die Altstadt, geniessen die osmanische Kueche und sind dann immer wieder froh dem Verkehrschaos der Stadt entfliehen zu koennen, indem wir uns wieder auf die Terrasse unseres eigenen Palastes zurueckziehen. Sultan Tobi und Sultan Sebastian lassen dann bei einem Glas Raki die Seele baumeln. Was fehlt, ist nur noch ein Harem.

Sebastian

 

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