Entlang der Schwarzmeerküste

01.07.2002
 

Teheran, Iran; 22.06.2002

Nach 10 Wochen haben wir einen weiteren großen Anlaufpunkt unserer Reise erreicht. Teheran, Hauptstadt Irans ist mit über 13 Mio. Einwohnern unser bisher größtes Ziel. An sich ist die Stadt ein staubiger verschmutzter Fleck Erde, den man aufgrund des höllenmäßigen Verkehrs und der Abgasglocke über der Stadt als Radfahrer besser meiden sollte, außer man hat dort dringend etwas zu suchen.
Wir haben dort etwas zu besuchen, und zwar meine persischen Verwandten väterlicherseits. Hier bleibt die Zeit für ein paar resümierende Zeilen über die Türkeietappe.

Istanbul bleibt als eigener Mikrokosmos in Erinnerung; eine Stadt in einer Stadt. Preislich übrigends auf dem Niveau von New York. Berlin ist dagegen billig. Von dort aus starteten wir über die wenig befahrenen Strassen der Schwarzmeerküste gen Osten. Links das Meer, rechts die Berge, so quälten wir uns über die ersten Tage auf sehr schlechtem Untergrund über Höhen von 500m auf Meeresspiegelniveau, im stetigen Pendel zwischen 1. und 27. Gang. Keine besonders körper- und materialschonende Gangart, zudem wurde unsere Tageskilometerleistung zum Teil empfindlich reduziert.
Entschädigt wurden wir durch die schöne Landschaft. Wir übernachteten an menschenleeren Stränden unter freiem Himmel und fühlten uns frei von allen Verpflichtungen. Alles was wir brauchten, war tagsüber etwas Essbares, abends ein ruhiger Platz zum schlafen und ab und zu etwas Seife und Wasser. Das Waschen erledigten wir meistens in den Moscheen am Straßenrand.
Diese effiziente Lebensweise machte sich schnell in der Reisekasse bemerkbar. Ausgaben für einen Monat Türkei (pro Person): 150 Euro. Interessanteste Abwechslung der Türkei-Etappe: ein dritter Reisepartner, der uns bis nach Tabris im Iran gefolgt ist.
Christian, 39 Jahre, über 2m groß, blond, lange Haare. Hat sich das Geld für seine zweijährige Radreise in Berlin als Pizzabäcker, Fahrradmechaniker und Türsteher des E-Werk verdient. An sich ein Berliner Szenefreak ohne berufliche oder familiäre Bindungen; ein echter Totalaussteiger. Christian ist ein fröhlicher unkomplizierter Reisepartner, seine Geschichten aus dem Berliner Nachtleben lassen uns lachen, wir verstehen uns gut.
Sein Aussehen und seine Statue sorgt in den kleinen anatolischen Dörfern stets für einen Menschenauflauf und ein Verkehrschaos. Auch sonst gehört er nicht gerade zur unauffälligen und besonders nicht zur unemotionalen Sorte. Als echter Fahrradrevoluzzer legt er sich gerne mit Allem an, was Ihm am Radfahren hindert, insbesondere mit Trucks.
Ein 40-Tonner donnert laut hupend mit einem Seitenabstand von vielleicht 30 cm an uns vorbei. Christian flippt aus und flucht ohne Ende. zufällig hält der Fahrer des Trucks ca. einen Kilometer weiter an einer Abzweigung an. Wie ein Unwetter nähert sich Christian, hält am offenen Fahrerfenster und brüllt in die Kabine. "You fucking Asshole!! You are the last Shit! Fuck You!!
Der primitive anatolische Truckfahrer starrt sprachlos mit weit aufgerissenen Augen aus dem Fenster. So was hatte er noch nie gesehen. Ein brüllender Riese mit Schaum vorm Mund auf einem Fahrrad. Die Geschichte sorgte bei uns auch Wochen später noch für Lachkrämpfe. Zudem haben wir seither eine neue Lieblingsbeschimpfung: You are the last Shit!
Eine andere Art von Krämpfen verursachte das ungewaschene Obst, welches wir an der Strasse kauften. Unsere erste Magen-Darminfektion. Nach anfänglichen Fahrversuchen am Morgen, stellten wir schmerzhaft fest, dass der Körper durch den Infekt viel zu geschwächt war. In Wassernähe schlugen wir ein Notlager auf. Während sich Christian bester Gesundheit erfreute, krümmten Sebastian und Ich uns auf unseren Isomatten; von Bauchkrämfen geschüttelt. Unser Riese verabschiedete sich, um mal eben sauberes Wasser und Kekse zu besorgen.
Kurz darauf wurde Ich Opfer eines Frontalangriffes türkischer Gastfreundschaft. Ohne zu bemerken, wo der Typ überhaupt herkam, oder hinwollte, wurde Ich von dem neugierig- fröhlichen Schnauzbart mit Fragen überhäuuft. Woher, wohin, weshalb und überhaupt. Ihm klarzumachen, dass Ich mich verdammt noch Mal Scheiße fühlte und keinen Bock hatte, dämliche Fragen zu beantworten, hatte wenig Erfolg. Kein Wort Deutsch, kein Wort Englisch. Schließlich bestand Er darauf, mir per Stift und Zettel erklären zu müssen, was sein Beruf sei. Der mit wilden Zeichnungen beschriftete Zettel ließ keinen Zweifel: Er war entweder Leichtmatrose oder arbeitete in einer Hühnerfarm. Es folgte eine Einladung zum Essen in sein Haus, falls wir in den nächsten Tagen dort lang kommen sollten. Endlich hatte Ich Ruhe.
Sechs Stunden später kehrte Christian von seinem Kurzeinkauf zurück. Er hatte sich zwischenzeitlich in der örtlichen Polizeistation eingerichtet und versucht, den englischunkundigen Beamten eine Lektion in deutscher Straßenverkehrsordnung zu erteilen. Während man Ihm Tee und Früchte reichte, regte Er sich wild gestikulierend über die Trucks auf: "They want to kill me, they want to kill me!!" Ein Konsens kam meines Wissens nicht zustande.

Hervorheben sollte Ich dennoch die türkische Gastfreundschaft. Wie in den meisten orientalischen Ländern, gehört auch in der Türkei das Einladen zum guten Ton. Eine gewöhnliche Chai (Tee)-Einladung lief in etwa so ab:
Von der Strasse wurden wir durch Zurufen (Chai,Chai!) und Winken zum Anhalten bewegt. Dann folgten Standartfragen in ähnlicher Reihenfolge:
1. Woher kommst du? (Ah, Alemanje, Gut, Gut.)
2. Wie heißt Du? (Meistens gekoppelt mit gegenseitigem Vorstellen und Händeschütteln)
3. Variation aus: -Was ist dein Job? -Was ist der Grund deiner Reise? -Wie teuer ist dein Fahrrad?
Als Gegenleistung für die Befragung gab es dann Tee. Manchmal auch mehr. Ich kann nicht verschweigen, dass mich diese Freundlichkeit gerade am Anfang sehr misstrauisch gemacht hat und Ich nicht verstehen konnte, warum die Leute keine wirkliche Gegenleistung von uns erwarteten. Als wir eines Abends erschöpft in einem Strandrestaurant saßen und uns die Kellner einluden, im leeren Innenraum des Restaurants zu übernachten, läuteten bei mir alle Alarmglocken. Diese jungen Kerle mit den öligen Haaren können uns unmöglich aus Nächstenliebe aufnehmen. Als wir uns am Morgen von den fröhlichen Jungs verabschiedeten, ohne etwas für s Essen bezahlt zu haben, hatte Ich ein schlechtes Gewissen. Ein gesundes Misstrauen sollte man jedoch trotzdem beibehalten, gerade bei sehr freundlichen Zeitgenossen...

Die andere Auffälligkeit der Türkei sind die Kinder.
Während man Kinder im europäischen Westen von klein auf in Kindergärten steckt, sie auf hundefreien Spielplätzen buddeln lässt und Ihnen steriles Spielzeug schenkt, lässt man im Orient den Kindern alle Freiheiten. Kein Erwachsener kümmert sich wirklich um ihre Erziehung, die Welt ist ihr Spielzimmer. Der Vorteil dieser Erziehungsweise ist die recht frühe Selbstständigkeit der Gören. Der für uns spürbare Nachteil ist ihre Neugierde.
Schüchternheit ist für sie ein Fremdwort. Die Finger wandern stets an Schalthebel und Tacho. Wir mit unseren Rädern sind für sie riesige Spielzeuge. Regelmäßig schwanke Ich zwischen der Faszination von Ihrer Wildheit und Angstlosigkeit und Genervtsein. Zur Neugierde der Kinder kommt in der Osttürkei die Armut hinzu. Sie betteln zunehmend. Wenn wir nicht anhalten, werfen sie Steine nach uns. Kindliche Verspieltheit kann man bei Ihnen nicht mehr entdecken, sie wirken hart und grausam. Am Besten kommt man mit Ihnen klar, indem man herrisch und bestimmend Befehle erteilt. Das erzeugt Respekt. Bloß keine freundlich höfliche Zurückhaltung und westliche Reserviertheit zeigen, dies verstehen sie als Schwäche!

Umzingelt von einer Horde bettelnd schreiender Kinder beschließe Ich, den Nervensägen eine Lektion in deutscher Ordentlichkeit zu erteilen. Ich forme den chaotischen Haufen zu einer ordentlichen Reihe und sortiere Sie mir nach der Grosse zurecht; die Kleinen nach vorn. Ein paar preußische Zwänge schaden nie! Während Ich versuche, System in meine Kompanie zu bringen, zückt Christian die Kamera. Das ganze artet in ein peinlich-touristisches Affentheater aus. Für die Kleinen sind wir laufende Geldsäcke. Als Sold bekommt jeder der Kinder einen Keks. Im Wegfahren beobachte Ich aus dem Augenwinkel, wie hinter mir eine Schlägerei um die Kekse ausbricht. Niemand hatte den Keks sofort gegessen, zu wertvoll. Zwei halten Einen fest, ein Dritter versucht Ihm, die Hände zu öffnen. Mein Verteilsystem hat nichts gebracht; die Stärkeren holen s sich von den Kleineren, keine Chance. Die Natur hier in den Bergen ist nicht anders.

In einem Küstenort umringen mich ein paar Straßenjungen, die an Holzstangen die hier landestypischen Laugenbrezelringe verkaufen. Gut gelaunt scherze Ich mit Ihnen rum und teste mein inzwischen recht stattliches türkisches Schimpfwortrepertoire, womit Ich bei den Jungs fröhliche Begeisterung erzeuge.
Einer der Brezelverkäufer weist auf den Bruch im Rahmen meiner Sonnenbrille, und bietet mir "großzügigerweise" die Brille im Tausch gegen seine Brezeln an. Spöttisch lachend reiße ich zwei seiner Ringe von der Stange, halte siemir als Brille vor die Augen, starre durch und gebe sie Ihm verächtlich zurück; nach dem Motto: Was soll Ich mit deinem Scheiß? Die Lacher der anderen Jungs sind auf meiner Seite, sie verarschen ihren Freund für sein lächerliches Angebot. Als Ich den enttäuschten Gesichtsausdruck des Jungen sehe, tut mir die Sache schon wieder leid. Er hatte halt nichts anderes als die paar Brezeln zum Tausch.

Im normalen Radfahreralltag kommt Sensibilität oft ein wenig zu kurz. Wir feilschen wild um unwichtige Pfennigbeträge und reagieren genervt auf Passanten, die uns anquatschen, aber eigentlich nur weiterhelfen wollen.
Insgesamt hat uns der Monat Türkei jedoch gelassener werden lassen. Mit einer gesunden Mischung aus Instinkt, Menschenkenntnis und Humor kann man hier die meisten zwischenmenschlichen Situationen bewältigen. Eins habe Ich mir bei den Gesprächen angewöhnt. Egal, was die Leute wollen, immer lachen. Wenn sie zuviel wollen, notfalls auslachen.

Toby

 

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