Expedition Alpen

27.04.2002
 

Die gute alte Milka-Kuh, wer kennt sie nicht. Aus Film und Fernsehen bekannt, die Berge, die Fluesse, der Schnee auf den Gipfeln. Ja!, die Idylle existiert, und zwar in Oesterreich. Doch keine Angst, ich moechte Euch nicht langweilen mit einem Landschaftsbericht ueber die Kitzbuehler Alpen, Kaernten oder das Zillertal, geschweige denn den Alltag einer Milka-Kuh, vielmehr moechte ich Euch kurz ein Einblick ueber unseren holprigen Weg durch die Alpenrepublik geben.
Leicht verkatert ging es von Passau aus am Inn entlang ueber die Grenze. Die Dialekte in Sachsen und Bayern waren schon nicht von schlechten Eltern, aber nun verstanden wir nicht mehr als vor einigen Tagen in der Tschechei. Die ersten beiden Tage waren weniger spektakulaer. Auf und ab ging es bei durchschnittlich 6-8 Grad Hoechsttemperatur. Die heisse Fleischbruehe am Abend und der staerkende Tee am Morgen bewarten uns vor dem Frost. Selbst den ersten Pass von schlappen 1000 m eroberten wir im Eiltempo. So weit so gut.
Schliesslich trennten uns nur noch gute 30 km vom mediterranen Klima. Vor uns stand er, der Riese, unbezwingbar zu dieser Jahreszeit, der Soelkpass. Offiziell war es nicht erlaubt seine 1800 m zu ueberqueren, da zu dieser Jahreszeit die Schneefallgrenze noch unter 800 m lag. Vorbildlich erkundigten wir uns dennoch bei der Bergwacht, ob denn dieser Pass nicht doch (zumindest fuer Radfahrer) zu passieren sei. Die Bergwacht gab uns gruenes Licht, allerdings auf eigene Gefahr. Hoch motiviert bereiteten wir uns also auf diese Erstjahresbesteigung vor. Ein ausgiebiges Fruehstueck und bepackt mit einem Apfel, zwei Bananen und der guten, alten Milka Schokolade ging es los. Petrus schien uns bei zu stehen. Bei Sonnenschein uns 12 Grad meisterten wir die ersten Serpentinen mit Bravour. Den Apfel hatte ich schon nach der ersten Kehre verputzt. Aus einer 100 Gramm Tafel Milka Vollnuss wurde schnell ein 20 Gramm Riegel und die zwei Bananen wanderten nach 30 km staendigem Bergauffahrens schnell in meinem Magen. Mindestens genauso schnell wir unsere Essration verringerte sich auch die brauchbare Anzahl der Fahrradgaenge (Uebersetzungen) an meinem Fahrrad. Die Beine und Nacken schmerzen, der Schweiss laeuft mir den Ruecken herunter. Bei voller Kraft im ersten Gang zeigt mir mein Tacho eine Geschwindigkeit von 5 km/h an. "Sollte ich nicht lieber gleich schieben?". Ich verfluche jedes Gramm Gepaeck an meinem Rad. Die Schneefallgrenze ist seit laengerem erreicht. Wir balancieren unsere Drahtesel zwischen den Reifenspuren eines anscheinend vorgefahrenen Bergwachtfahrzeuges. Es wird spuerbar kaelter, obwohl mein ganzer Koerper kocht. Noch 6 km bis zum Pass. Ich muss mich ablenken. Ich fange an Lieder zu summen. "Sweet Home Alabama, I will Survive und Paradise City", stehen diesesmal auf meiner Playlist. 5 km, 4, 3, und ploetzlich:
Eine Lawine. Sie bedeckt komplett die Strasse vor mir. Schokolade macht bekanntlich gluecklich, aber der letzte Riegel hilft mir in dieser Situation auch nicht mehr. Ein aelteres Ehepaar kommt mir entgegen. Aufgeregt erzaehlt mir die Frau, ihr Auto sei weiter oben von zwei Lawinen eingeschlossen.
Um uns ein genaueres Bild von der Lage zu machen, klettern Tobi und ich ueber die erste Lawine hinweg und laufen bis zur naechsten Kehre. Sackgasse! Auch der naechste Strassenabschnitt ist zugeschuettet. Ansich waren wir der Ueberzeugung unser Equipment sei ueberaus professionell und vollstaendig. Ersatzschlaeuche, Benzinkocher, Wasserfilter... alles dabei, nur die Schneeschaufel haben wir in Berlin vergessen.
Leichter Eisregen faellt vom Himmel. Es ist mittlerweile nach 17 Uhr. Zu spaet, um sich in dieses (leichtsinnige) Abenteuer zu wagen. Ein wenig fuehlte ich mich dann doch wie in Krakauers "Eisigen Hoehen". Wir kehren um. Die undankbare Abfahrt auf der falschen Seite des Berges. Vor lauter Frust vergesse ich mir meine Handschuhe ueberzuziehen. Fatal.
Wir verbringen die Nacht nur wenige Kilometer von dem Ort, an dem wir urspruenglich aufgebrochen sind, nur mit dem Unterschied, dass mich diese Nacht starke Schmerzen in der rechten Hand am Einschlafen hindern. Als ich am naechsten Morgen wie gewohnt meinen Tee schluerfe, schmuecken unzaehlige kleine Blasen meinen rechten Handruecken. Eine Verbrennung zweiten Grades, wie mir ein Arzt spaeter schildert.
Da beim Radfahren die Beine mehr als die Haende beansprucht werden, ging es ueber einige Umwege weiter Richtung Sueden. Die naechsten zwei Naechte verbrachten wir im Trockenen, zunaechst auf einer Buehne im Innenhof eines Biker-Harley-Treffs, wo zur Hauptsaison wohl eher die Mrs. Wet-T-Shirt bzw. der schoenste Harley-Davidson-Umbau gekuehrt wird (wir haetten an diesem Tag problemlos den Mr. Wet-T-Shirt-Contest gewonnen), und danach bei einer aeusserst gastfreundlichen Argentinischen Triathletin, die wir in Klagenfurt kennenlernten.
Von nun an war klar: geografisch ging es bergab, alles andere bergauf.

Sebastian

 

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