Rad Fahr'n bis der Arzt kommt
Oder
Der Fluch von Meissen

11.04.2002
 

Es scheint so seien zu müssen, dass man zu Beginn einer großen Tour kleine fiese Steine in den Weg geworfen bekommt, über die man später wahrscheinlich nur noch lachen kann.
Die erste Nacht verlief reibungslos. Eine moosbewachsende Lichtung am Waldesrand gefunden, ca. 75 km außerhalb Berlins. Sehr idyllisch, mit Vogelgezwitscher, neugierigen Rehen und einem feuerroten Sonnenuntergang. Die Schlafsäcke halten, was sie versprechen.
Trotz Minusgraden in der Nacht keine kalten Füße. Die Frostschicht, die am nächsten Tag über Zelt und Ausrüstung liegt, sorgt für schnelles Wachwerden.
Die Bequemlichkeit, die ich mir in den letzten Jahren
angeeignet habe, zeigt mir jetzt ihre hässliche Fratze. Ich, der ich zuletzt das Motorrad dem Fahrrad stets vorzog, Sport in erster Linie aus dem Fernsehen kannte und gut Kondition allenfalls beim Saufen bewies, erhalte die spürbare Quittung schon nach den erste 40 Kilometern:
Ein stechender Schmerz im rechten Kniebereich, der bei jedem Tritt zunimmt. Vielleicht liegt es am Gewicht, vielleicht am neuen Rad oder an der Kälte, wer weiß. Zumindest reicht die Nacht zur Erholung nicht aus. Die Schmerzen steigern sich im Laufe des Tages. Nach 90 km, ca. 15 km vor Meissen geht gar nichts mehr. Die Knie zittern, jeder Tritt wird mit 1000 Nadelstichen quittiert, inzwischen in beiden Knien. Notgedrungen schiebe ich mein Rad weiter, mit dem festen Willen, Meissen auf jeden Fall noch zu erreichen. Meissen, war das nicht dieser verdammte Ort, an dem unsere alten Kumpels, Kevin und Felix (www.mitdemfahrradindieuni.de) eine geschlagene Woche wegen Kevins Fersenproblem verweilen mussten? Natürlich!
Gedanklich fluchend überlege ich mir, ob ich nicht mit der Eisenstange mein Fahrrad zerschlagen sollte, mich in die nächste Bahn nach Berlin-Dahlem setze, für`s Repetitorium anmelde, um Ende des Jahres mein erstes juristisches Staatsexamen zu absolvieren. Während ich so schiebe, brettert die ansässige Dorfjugend neugierig glotzend an mir vorbei. Typ glatzköpfige GTI-Fahrer, geistig genauso tiefergelegt wie der Golf. Aus den Bassboxen dröhnt billiger Ost-Techno, die Auspuffanlagen produzieren 3-stellige Dezibelklänge. Die Holzkreuze, mit frischen Blumen und Didlmäusen verziert am Wegesrand erklären das Übrige.
Viel Spaß noch Jungs, da schiebe ich ja lieber. Leider wird das mit dem Schieben auch langsam problematisch, da sich die Beine völlig verabschieden und es langsam dunkel wird. Nach einigem hin und her kommen wir noch vor 20.00 Uhr in Meißen an und finden eine Notunterkunft. Die Schmerzen bescheren mir noch eine lange Nacht.
Am nächsten Tag dann der unvermeidliche Arztbesuch. Der hektische Doktor grummelt im fliesenden Hochsächsisch etwas von "dräih Dosche Rühäbäusäh (drei Tage Ruhepause), verschreibt mir irgendwelche Tabletten und rät mir, im Notfall abzubrechen. So weit kommt`s noch. Ärzte quatschen viel, wenn der Tag lang ist. Im Gehen lasse ich mir noch die Adresse eines Sportarztes geben. Am Telefon will mich die Krankenschwester abwimmeln, von wegen keine Sprechstunde, alle Termine belegt. Ich tische gleich ganz dick auf; es wäre ein Notfall, ich muß um die Welt radeln! Als man mich zum Arzt durchstellt wird dieser merkbar neugierig, als ich ihm mein Vorhaben erläutere, und er lädt mich ein, gleich vorbeizukommen. 20 Minuten später werde ich von der Schwester mit "Ach, der Radfahrer!" begrüßt. Das Wartezimmer ist überfüllt mit mürrisch dreinblickenden männlichen Jung-Ossis, welche sich augenscheinlich entweder beim Fussball die Beine blutig gefoult haben oder zur Zivildienstuntersuchung müssen. Jetzt erahne ich, warum der Arzt Lust hat, sich mit einem jungen Student zu beschäftigen, dessen Vorhaben und Pläne etwas von hiesigen Standards abweichen. Vor allen Anderen werde ich aufgerufen. Wir unterhalten uns locker über meine Reise, ich beantworte roboterhaft die üblichen Fragen, mache ein paar der üblichen Witze, wir lachen. Nach einer gründliche Untersuchung attestiert er mir zwei völlig gesunde Beine, dessen Muskeln kurzzeitig überbelastet wurden, gibt mir neben Dehnübungstipps ein paar Tabletten mit und wünscht mir alles Gute. Erleichtert verlasse ich die Praxis.

Tobi

 

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