Hometrainer

24.08.2002
  Man besorge sich einen Fahrradhometrainer und stelle ihn in die Küche, am besten direkt vor den Backofen. Bei geöffneter Ofentür heizt man den Raum beim Umluftgrillen (225 Grad) etwa eine gute Stunde vor, die Fenster bleiben natürlich geschlossen. Den vom Nachbarsjungen geliehenen Motorroller platziert man direkt neben den Hometrainer. Besonders geeignet hierfür sind Modelle älteren Baujahres, die ordentlich Lärm machen und für hohe Schadstoffemissionen sorgen. Um der Sache genügend Originalität zu verleihen, bittet man einen guten Freund schließlich um folgenden Gefallen: Ausgestattet mit Nebelhorn und Megaphon besteht seine Aufgabe darin in regelmäßigen Abständen zu hupen und "Hello Mr., how are you?" in das Megaphon zu brüllen.
Jetzt kann es endlich losgehen. Im flotten Radfahrdress schwingt man sich auf den Hometrainer und beginnt mit zunehmender Trittfrequenz den Körper in Bewegung zu halten. Der knatternde Motorroller zur Linken, Megaphon und Nebelhorn zur Rechten. Der geübte Radsportler rückt noch etwas näher an den Backofen und erledigt diese täglichen 8 Stunden Training auch unter erschwerten Bedingungen, wie z.B. Durchfallerkrankung oder Sonnenbrand.
So in etwa kann man sich einen durchschnittlichen Radfahrtag in den Julimonaten im Iran vorstellen. Nach fast dreiwöchiger Radabstinenz stand uns genau dieses beschriebene Szenario bevor.
Los ging es, raus aus der Hauptstadt. Ein Alptraum für jeden Radfahrer. Nach mehrstündigem Treten und Strampeln entkommen Tobi, Kristian und ich der Blechlawine Teherans und bauen kurz vor Einbruch der Dunkelheit unsere Zelte in der menschenleeren Steppe Irans auf. Nachts, auf unseren Schlafsäcken liegend, kann ich aufgrund der Hitze und der vorherigen Begegnung mit einer handgroßen Riesenspinne nur sehr schwer einschlafen.
Auch der nächste Tag verspricht nicht viel Gutes. Tobis wunder Hintern, drei "Platten" innerhalb von 2 Stunden und eine ordentliche Brise Gegenwind. Doch unsere "Glückssträhne" hat noch kein Ende. Nach drei Radfahrtagen erreichen wir Kashan, eine schöne kleine Stadt mit vielen beeindruckenden Bauten. Javad, ein Bauingenieur aus Saarbrücken lädt uns in sein Elternhaus ein. Hier sind wir gut aufgehoben und bleiben über Nacht, in der ich mich mit meinem Schlafsack ganz nah an die Klimaanlage kuschele. Gestärkt durch den tiefen Schlaf und das ausgiebige Frühstück, nehmen wir gutgelaunt die nächste Etappe in Angriff. Die gute Stimmung hält allerdings nicht lange an. Eine Hornisse gerät beim Verlassen der Stadt unter meine Sonnebrille. Hektisch reiße ich mir die Brille herunter. Zu spät. Dieser Stich hat gesessen. Im Nu schwillt der Stich unter meinem rechten Auge stark an. Zudem verspüre ich ein immer stärker werdendes Jucken am ganzen Körper. Ich rolle mit letzter Kraft zurück in Javads Haus und bekomme einen riesigen Schreck, als ich mich wenig später im Spiegel betrachte. "Der Typ im Spiegel, das bin nicht ich, das
ist doch Axel Schulz!", denke ich. Ein allergischer Schock ist die Reaktion auf diesen Stich. Überall am Körper bilden sich Pusteln und Beulen - teilweise so groß wie Tennisbälle. Ein schrecklicher Anblick. Ich versuche einfach nur ruhig zu atmen, ganz schön beängstigend solch ein Anblick.
Ein Arzt ist schnell zur Stelle. Zwei Spritzen in den Po und das unerträgliche Jucken hat nach kurzer Zeit ein Ende. Auch die Beulen an meinem Körper verschwinden nach wenigen Stunden. Ich erkenne mich langsam im Spiegel wieder. Wir bleiben noch einen Tag länger bei unserem Gastgeber, denn jetzt ist erst einmal Ruhe angesagt. Die nächsten Tage können ja nur besser werden.
In der Tat. Ohne jede Einladung im Iran aufzählen zu wollen, kommen wir in den nächsten zwei Wochen kein einziges Mal dazu, unseren Benzinkocher, geschweige denn unser Zelt aufzubauen.
"You are my guests tonight!!" Gibt es etwas schöneres nach einem langen heißen Radfahrtag? Eine ziemlich interessante Einladung erlebten wir kurze Zeit nach meinem Hornissenstich. Eine schlechte Tagesplanung veranlasste uns aufgrund von Wassermangel, einen Zwischenstopp in einem kleinen, nicht auf der Karte verzeichneten Dorf, abseits der Strasse zu machen. Die Situation schien aussichtslos, keine Menschenseele weit und breit. Gedrängt von unseren durstigen Kehlen rollen wir weiter an den kleinen Lehmhütten vorbei, bis wir auf einmal auf eine große Menschenmenge stoßen. Alle Bewohner sind auffällig schwarz gekleidet. Das ist sicherlich keine Hochzeitsfeier. Doch es dauert nicht lange und wir bekommen kühle Zam-Zam-Cola und ein ausgiebiges Mittagessen gereicht. Ein junger Dorfbewohner starb aufgrund schweren Krebsleidens und wurde heute beerdigt. Doch große Trauer war den Einheimischen nicht allzu sehr anzumerken. Wir schienen heute die Hauptattraktion zu sein. Das ganze Dorf ist auf den Beinen und folgt uns Schritt für Schritt. Nach dem Essen werden uns reichlich Tee und Früchte gereicht und danach (als wenn es selbstverständlich wäre) eine ausreichende Siesta gewährt.
Tage später finden wir Unterschlupf bei einem Englischlehrer in Anar. Er beherbergt uns für diese Nacht, als Gegenleistung geben wir seinen Schülern eine gute Stunde Englischunterricht.
Den Abschluss des langen Einladungsmarathons bildete eine nette, deutschsprachige Familie in Kerman. Hinzukam hierbei der Luxus des Satellitenfernsehens. Doch letzten Endes hätte ich auf das Eincremeluder von RTL-Explosiv und auf den Mädels, Machos und Moneten-Bericht auf RTL-2 auch gut verzichten können.
Kurz vor Ende unserer Iranreise zog es uns aber dann doch wieder zurück in die Natur. Als wir an jenem Abend, fern ab der Zivilisation, unser Nachtlager hoch oben in den Bergen herrichteten, kam mir allerdings beim Essen irgendetwas sonderbar vor. Ich brauchte einige Zeit, bis mir klar wurde, was mir so sonderbar erschien. Es war die Stille und Ruhe, die ich in den letzten Wochen so vermisst habe. Ständig waren wir umgeben von einer lauten Geräuschkulisse. Die letzten 1000 Kilometer auf iranischen Straßen haben Tobi und ich immer abwechselnd mit Walkmankopfhörern und Ohropax gemeistert.
Doch diese Nacht war anders. Keine Dieselmotoren, keine brummende Klimaanlage und auch kein Wind, der an die Zeltwand schlägt. Eine Totenstille, die mir schon fast ein wenig gespenstisch vorkam.

Trotz aller Schikanen war es eine wunderschöne Zeit hier im Iran, und wer das ganze auch einmal erleben möchte, bucht entweder gleich einen Flug nach Teheran und folgt unseren Spuren, oder entscheidet sich für die Low-Budget-Version mit dem Hometrainer. Den soll es übrigens gerade bei Tschibo im Angebot geben.

Es grüßt Euch herzlich Sebastian