INDIAN TIMES

02.12.2002
 

Bei der Absteige nahe der New Delhi Railwaystation im Getümmel des Main Bazars handelt es sich um das älteste Hotel am Platz. Es ist eines der schäbigsten Buden dieser Reise.
Die Zimmerwände wurden bekritzelt und bemalt von Generationen von Hippies, Freaks und Aussteigern, die Indien seit Anfang der 70er Jahre auf der Suche nach Freiheit, Liebe und wohl vor allem Erleuchtung bevölkern.
Wahrscheinlich ist es ein wenig unser Geiz, aber auch die Tage und Wochen auf den Strassen, mit Essensbuden am Wegesrand, den Übernachtungen in kleinen Hütten, Polizeistationen oder im Freien, die es uns schwer fallen lassen, Geld für "normale" Hotels auszugeben.
Sebastian fragt mich regelmäßig, ob die Essensbuden, die wir täglich besuchen, auch schmutzig genug für uns seien. Er schimpft über die anderen Backpacker und Touris, die dieses Land per Bus und Flieger bereisen und kaum etwas vom Leben der normalen Inder in den kleinen Dörfern mitkriegen. Delhi macht mich aggressiv. Es ist der Staub, der Dreck, die Lautstärke und die vielen, vielen Menschen.
Im Internetkaffee gegenüber habe ich seit gestern Hausverbot, nachdem man mir den Stecker raus zog und Ich wütend wurde. Die Tage bis zum Abflug sind gezählt.
Was vermisse Ich?
Indien ist ein Land, was für viele Aussteiger zur Alternative zum kalten Wetter, Bürokratie und Spießertum geworden ist. Man hört Begriffe wie Hare Krishna und sieht Gurus barfuss über die Strassen wandern. Ein Guru, so lernte Ich, ist ein Führer aus der Dunkelheit zum Licht.
Ein Westeuropäer, der im Bettelmönchskostüm und geflochtenem Vollbart durch die Strassen Indiens wandert, wirkt auf mich ungefähr so lächerlich, wie ein Inder, der im bayrischen Trachtenverein ins Alphorn bläst.
Gestern Nacht machte ich Bekanntschaft mit einem Hare-Krishna Jünger. Ein jaulender Kassettenrecorder hinderte mich am schlafen gehen. Mit Zahnbürste im Mund wanderte ich die Stufen des Hotels aufwärts und fand das Gerät auf einer Türschwelle liegend. Gegen die offene Tür klopfend trat ich ein und bat um Reduzierung des Geräuschpegels zwecks Nachtruhe. Ein dürrer blonder vollbärtiger langhaariger Mann richtete sich aus einer liegenden Meditierhaltung auf und starrte mich feindselig an. "Warum betrittst du in Schuhen mein Zimmer?" fragte er mich. Ich betrachtete ihn nachdenklich. Er sah aus wie einer dieser Typen, die in Deutschland einer Horde betrunkener Skinheads zum Opfer fallen würden. Er nahm mir das Gerät aus der Hand und stellte es leiser.
Indien ist bunt. Das ist es wohl, was viele Reisende reizvoll an diesem Land finden. Der einsame Norden mit seinen schneebedeckten Himalajagipfeln, die subtropische Flachebene, die Wüstengebiete Rajastans und die weißen Traumstrände Goas. Elefanten, Affen, Wasserbüffel; auch Tiger und Schlangen und die allgegenwärtige Kuh auf der Strasse. Das alles ist Indien und wer sucht, findet noch mehr. Aus jedem Land, jeder Kultur, jeder Gesellschaft kann man etwas lernen. Was den Indern gelassen werden muss, ist ihre Gelassenheit. Inder können warten. Nichts scheint sie wirklich aufzuregen. Außer es geht um eine offenkundige Ungerechtigkeit wie ein Diebstahl oder ein Verkehrsunfall. Laut Statistik begehen in Indien mehr als 90% aller Unfallverursacher Fahrerflucht, da sie bei einem Unfall mit Personenschaden regelmäßig befürchten müssen, von der herbeieilenden Zuschauermenge gelyncht zu werden.
Einmal beobachtete Ich von einem Hausdach aus, wie ein laut brüllender Tourist einem Taschendieb hinterher rannte und Ihn schließlich vor dem Haus stellte. Er riss Ihm den gestohlenen Rucksack aus der Hand und stieß ihn zu Boden. Als die umstehenden Inder begriffen, was passiert war, ging es los. Ungefähr zwanzig Inder stürzten sich auf ihren diebischen Landsmann und fingen an, Ihn zuzurichten. Der am Boden liegende wurde minutenlang mit Fußtritten gegen den Kopf bearbeitet, obwohl er längst regungslos dalag. Inzwischen hatten sich ein paar dutzend weitere Inder auf den umliegenden Treppen und Dächern versammelt, um dem Spektakel fröhlich lachend beizuwohnen.
Ansonsten, wie gesagt, bleiben Inder recht gelassen.

Das Kastensystem, welches unverändert die indische Gesellschaft prägt, setzt klare Trennungslinien zwischen den Bevölkerungsgruppen. Diese werden (erst bei genauerem Hinsehen) im zwischenmenschlichen Umgang der Inder untereinander sichtbar. In der Regel lässt sich eine Kastenzugehörigkeit aufgrund von Kleidung und Auftreten ungefähr einschätzen.
Als Westmensch steht man außerhalb dieses Systems und wird dementsprechend unterschiedlich behandelt. Durch die häufigste und immer zuerst gestellte Frage: "Where are you from?" wird versucht, zumindest eine grobe Klassifizierung zu erreichen. Als Deutscher kommt man dabei recht gut weg. Deutsche sind beliebt bei Indern. Sie gelten als freundlich, wohlhabend und als Vernunftmenschen. Meiner Erfahrung nach wird man von Indern seinem Auftreten entsprechend behandelt. Tritt man bestimmend, herrisch und arrogant auf, flösst man ihnen Respekt ein. Wenn man hingegen den Eindruck von Schüchternheit und westlicher Reserviertheit hinterlässt, wie es oft bei Touristen zu beobachten ist, die frisch aus dem Flieger steigen und mit der indischen Mentalität unkontrolliert konfrontiert werden, kann es passieren, dass sie frech werden. Dies wiederum führt dann zum so genannten Kulturschock. Für jemanden, der allerdings zuvor Pakistan mit dem Rad durchquert hat, hält sich der Schock in Grenzen, er quittiert die Mentalität allenfalls mit einem müden Lächeln...
Besonders westliche alleinreisende Frauen haben mit der "Kontaktfreudigkeit" der neugierigen indischen Männerwelt zu kämpfen, sofern sie ihnen nicht deutlichst zu verstehen geben, kein (sexuelles) Interesse am Gegenüber zu haben. Zwei hübsche Neuseeländerinnen berichteten mir, von einer Zugfahrt bei der sie von einem Inder im gegenüberliegendem Abteil angestarrt wurden, während er sich einen wixte. Sie wussten nicht, wie sie reagieren sollten. Für die beiden war es kein angenehmer erster Eindruck ihres Urlaubslandes.
In Indien ist es stets gut zu wissen, was man will und wie man es kriegt. Für uns beschränkt sich unser Wissen und Wollen im Radfahralltag meistens nur auf die tägliche Organisation von Nahrung und Schlafplätzen. In den armen ländlichen Gegenden Indiens spricht kaum ein Mensch Englisch, so dass die tägliche Nahrungsbeschaffung in den wandlosen Holzhütten, genannt Dhabas, schwierig werden kann. Ein normales Essen läuft so ab:
Mit dem Rad fahre ich bis an die Feuerstelle heran. Erste Frage: Rice? Der Inder quittiert dies dann mit einer bejahenden oder verneinenden Kopfbewegung, beides ein Nicken schräg nach oben, welches sich am Anfang gar nicht später dann zumindest vage unterscheiden lässt. Zweite Frage: Dal? Dal ist eine wässrige salzige Linsensuppe, die neben Reis als Essensgrundlage dient. Das Einfachste ist es, alle vorhandenen Töpfe zu öffnen, mit der Schöpfkelle ein wenig herumzurühren, um sich einen Eindruck über Inhaltsstoffe und Frische der jeweiligen Substanz zu machen. Ein deutscher Küchenchef wäre vermutlich empört über solches Misstrauen, der indische Koch hingegen nimmt diese Qualitätskontrolle als selbstverständlich hin. Vor der Bestellung kommen die üblichen Preisfragen, um nachfolgende Überraschungen zu vermeiden. Selbst dann stimmt der später verlangte Betrag selten, so dass alles immer noch mal umständlich auseinander gerechnet werden muss. Die anfänglichen Magenprobleme meinerseits sind inzwischen überwunden, wir vertragen mittlerweile fast alles. Da es kein Frühstück im europäischen Sinne gibt, besteht auch die erste Mahlzeit des Tages aus Reis, Dal, scharfer Bohnensuppe mit Gemüse und dazu Zwiebeln und Chilischoten. Da letzteres meistens zuerst serviert wird, geht öfters der erste Biss des Tages in eine rohe Zwiebel.

Das gebildete Indien: Wir erreichen die Millionenstadt Chandigarh . Ein Reporter der INDIAN TIMES spricht uns auf der Strasse an, um eine Story über uns zu schreiben. Wir verabreden uns auf dem Universitätsgelände der Stadt. Dort angekommen dauert es nicht lange, bis wir mit den ansässigen Studenten im Gespräch sind. Wir werden zur Semesterfeier des Fachbereichs Rechtswissenschaft eingeladen. Die Polizei bewacht unsere Räder, die voll bepackt vor der Aula stehen, während wir drinnen mittelmäßig interessiert dem Programm folgen. Danach gibt es ein erstklassiges Buffet. In den Gesprächen beweisen einige Studenten viel Verstand und eine gute Allgemeinbildung. Man gibt uns Streckeninfos, Tipps für die Weiterfahrt und Adressen und Visitenkarten, für den Fall, dass wir Schwierigkeiten haben sollten oder Hilfe bräuchten.
Erstaunlicherweise hörten wir auch öfters eine Quasi-Entschuldigung für das Verhalten ihrer ungebildeten Landsleute uns gegenüber. Der gebildete Inder ist stolz auf sein Land und versucht es uns gegenüber stets ins beste Licht zu rücken. Aus Höflichkeit bestätigen wir dann auch regelmäßig, wie toll uns Indien gefalle.
Unsere Indienetappe fand ihr Ende am Flughafen von Delhi.
Nach dem Gepäck-Einchecken wanderte ich durch den Duty-Free Bereich zu einem Teestand, um meine letzten indischen Rupien loszuwerden. Nach der dritten Milchteebestellung grinste mich der junge indische Teeverkäufer neugierig an.
"Mister, Where are you from?"
Ich starrte müde lächelnd in meinen Tee.
"From far, far away."
"Farfaraway? Never heard of that country..."

Toby

 

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