India - up and down

25.10.2002
 


"Das wird eine ganz harte Nuss", sage ich zu Tobi und zeige dabei auf ein Blatt Papier mit dem Höhenprofil der geplanten Himalayaetappe.
3000 Meter, 5000 Meter, 4000 Meter und wieder 5000 Meter. Ein ständiges Auf und Ab, so wie die Stimmung und Motivation in unserem 2-Mann-Team, wie sich in den darauffolgenden Wochen herrausstellt. Höhen und Tiefen, Glück und Frust. Von der Acute Mountain Sickness (AMS, Höhenkrankheit) sind wir zwar verschont geblieben, doch manchmal waren wir wirklich "sick of it all".
Hier ein Stimmungsüberblick unserer ersten vier Wochen in Indien.

Up

Nach über 8000 km im Sattel und drei anstrengenden Wochen in Pakistan betreten wir erstmals Indischen Boden. Ein äusserst angenehmer Grenzübergang. Aufgrund der politischen Spannungen zwischen den beiden Nachbarländern haben die Grenzbeamten in letzter Zeit wenig zu tun. Wir sind die Einzigen, die am heutigen Tag sowohl die pakistanischen als auch die indischen Soldaten unterhalten. Eine knappe Stunde dauert die gesamte Prozedur, unzählige Blicke in unsere Reisepässe und schon befinden wir uns in der "biggest democracy of the world", worauf uns ein riesiges Schild am Fahrbahnrand hinweist.
Chilled beer, nach langer Zeit wieder der Anblick unverschleierter Frauen und ein schönes Hotelzimer mit Fernseher in Amritsar runden diesen Tag ab.

Down

Wir verbringen drei Tage in der Hauptstadt der Sikhs (5. größte Religion Indiens, unverkennbar durch die langen Bärte und Haare, die unter einem Turban zusammengehalten werden und aufgrund ihres Glaubens nicht geschnitten werden dürfen). Außer dem berühmten Goldenen Tempel hat die Stadt allerdings nicht viel zu bieten. Laut und schmutzig ist sie und als Radfahrer gelten wir neben dem Fußvolk mit zur niedrigsten Kaste. 20 mal pro Kilometer hupt der Inder im Schnitt, heißt es in einem Reiseführer. Fußgänger, Fahrrad - und Autorikshas, Pkws und Lkws, Kühe, Esel, Ochsenkarren, Hunde, Katzen, Motorroller - ein Chaos, ein Kampf, dem der Inder jedoch eher gelassen gegenübersteht.
Die englische Sprache ist, zumindest in Ballungszentren und touristischen Gegenden weit verbreitet, was allerdings nicht nur Vorteile mit sich bringt. Auf der Strasse spricht mich ein junger Inder an. Doch neben den gewohnten Standardfragen, entwickelte sich das einseitige Interview zu einem halbstündigen Marathon. "What is your favourite colour, car, country, actor….?" Als ich auf seine letzte Frage "Who is your favourite wrestler?" mit "The Undertaker" antworte, ist er völlig aus dem Häuschen und drückt mich ganz fest an seine Brust.
Blos weg hier. Nach riskanter Slalomfahrt durch das Straßenchaos mache ich drei Kreuze, als ich die Tür unseres Hotelzimmers schließe.


Up

Um dem Monsun zu entgehen beschließen wir der Punjabregion den Rücken zu kehren und in den indischen Himalaya, Himachal Pradesh und Kaschmir, zu fahren.
Ein schönes Gefühl wieder auf dem Rad zu sitzen, mit Rückenwind und nahezu europäischer Straßenqualität, halten wir ein flottes Durchschnittstempo. Mit Taschentüchern im Ohr schone ich mein Trommelfell.
Die Sonne versinkt schon fast am Horizont, doch bevor es auf Schlafplatzsuche geht gönnen wir uns, völlig verschwitzt, erst einmal ein Bier. 120 km stehen auf Tobis Tacho. Ein erfolgreicher Tag. Kurz hinter der Stadt treffen wir auf eine große, buddhistische Tempelanlage. Mit großen Augen mustern uns die Mönche von oben bis unten. Sie gewähren uns Einlass und führen uns zum Obersten aller Mönche. Etwas misstrauisch, im gebrochenem Englisch, werden uns auch hier die üblichen Fragen gestellt, die wir geduldig beantworten.
Zigaretten und Alkohol sind im Kloster natürlich strengstens verboten, worauf uns ein Verantwortlicher fragt: "Did you have any wine today?" Äußerste Vorsicht war von nun an mit unseren Bierfahnen geboten. Dem höchsten Gläubigen wollte ich allerdings ehrlich gegenübertreten. Ich warf einen kurzen Blick hinüber zu Tobi und Kristian und erwiderte mit leichtem Zögern: "No, we did not have any wine today!" Wein ist schließlich kein Bier und so schüttelten wir alle drei ohne schlechtes Gewissen erneut synchron die Köpfe. "No wine!" Ein freundliches Lächeln unseres Gegenübers verrät uns: die Aufnahmeprüfung ist bestanden.
Während wir unseren Schlafplatz vorbereiten springen viele junge Mönche um uns herum…die Fragestunde hat noch lange kein Ende.
Später wird uns zusammen mit allen anderen Schülern ein schlichtes, jedoch völlig ausreichendes Abendessen gereicht. Der übliche Schneidersitz bereitet mir wie immer Schwierigkeiten, so dass mein linkes Bein im Vergleich zu der exakten Körperhaltung aller Mönche mal wieder aus der Reihe tanzt. Yoga ist das Stichwort. Neugierig durchlöchern wir nun unsere Gastgeber diesbezüglich mit Fragen. Doch schon die leichtesten Übungen, die uns daraufhin vorgeführt werden, erweisen sich als äußerst schwerzhaft. Tobi und ich purzeln unkoordiniert durch den Raum und sind die Lachnummer des heutigen Abends.
Glücklich und zufrieden liegen wir wenig später in unseren Schlafsäcken und schätzen die buddhistische Gastfreundschaft.


Down

Am nächsten Tag erreichen wir Dharamsala, den Hauptsitz der Tibetischen Regierung im Exil. Nach einem langen, steilen Anstieg in den Stadtkern sind wir zunächst verblüfft. Das erste mal seit Istanbul erreichen wir wieder einen Ort, in der uns kein Schwein bemerkt, geschweige denn anschaut. Eine Touristenhochburg vollgespickt mit Langzeit-Hippies und Totalaussteigern. Es gibt Kinos, Kneipen, German Bakeries, Buchläden, unzählige Internetcafes und und und. Trotz gestiegenem Preisniveau zunächst einmal nicht unangenehm.
Doch der anfängliche Enthusiasmus hält nicht lange an. Der Hippie, an sich kein schlechter Mensch, inspiriert uns nicht besonders. Vielleicht doch etwas zu bunt und weltfremd und auch mit allen anderen 5-Jahre-Visum-Anwärtern für Indien haben wir so unsere Kommunikationsprobleme.
Hinzukommt Kristians gebrochene Rippe bei einem Sturz in Pakistan, Tobis Amöben Infektion und meine fatale Entscheidung hier in Indien eine Hot-Chilli-Sour-Soup zu bestellen.


Up

Die Neugier ist größer als der Schmerz, so dass Tobi und ich wenige Tage später an unseren ursprünglichen Plänen festhalten. Auf den höchsten Pass der Welt soll es gehen. Wir trennen uns vorläufig von Kristian und fiebern der Schönheit des weltgrößten Bergmassivs entgegen. Manali-Leh heißt die Paradestrecke, die uns in den nächsten Wochen über mehrere 5000er Pässe führt. Ein optimaler Zeitpunkt für diese Herausforderung, da aufgrund des nahen Kaschmir-Konflikts weniger Touristen unterwegs sind. Weniger Verkehr, weniger Lärm, geringere Preise.
Drei Tage lang bereiten wir uns in Manali auf diese "Expedition" vor. Höhenakklimatisation, Amöbenbekämpfung, Streckenrecherche, Karten zeichnen usw.
Rhotang, Tanglang La, Baralacha La, Kharung La heissen die hohen Pässe, die es zu bezwingen gilt.
Am ersten Tag schrauben wir uns zunächst über 50 km bergauf. Auf Grund der schlechten Straßenverhältnisse sind wir bergab nicht viel schneller als bergauf, aber die vor uns sich öffnende, atemberaubende Mondlandschaft lässt alle Schmerzen und Flüche des Anstiegs vergessen.
Auch die nächsten Pässe bereiten uns keine großen Schwierigkeiten. "You guys must be in a pretty good shape", so ein englischer Enfield-Motorradfahrer, den wir unterwegs treffen. Seine Maschine bringt bei der dünnen Höhenluft nur noch die Hälfte der eigentlichen Leistung. Wohl wahr, aber abgesehen von den üblichen Kopfschmerzen durch den Sauerstoffmangel, lief unser Motor einwandfrei.

Jeder Gipfel um uns herum ein Kunstwerk, keine Menschenseele weit und breit, Gedanken an die Uni sind weit weit weg, Sonnenuntergänge und Sternenhimmel, wie ich sie zuvor nur aus dem GEO - Magazine kannte. Einsamkeit in ihrer schönsten Form.


Down
Unsere letzte Etappe vor Leh führt uns über den zweithöchsten Pass der Welt, dem 5360m hohen Tanglang La. Endlos lang ziehen sich die unbefestigten Straßen. Schotter, rissiger Teer, Schlamm... der Fahrbahnuntergrund ändert sich ständig. Die Passspitze kann man schon von Weitem sehen, doch mein Tacho verrät mir , dass uns noch mindestens 20 Kilometer bergauf bevorstehen. Es wird bitterkalt, wir befinden uns schon auf über 5000m über dem Meeresspiegel, mein Herz schlägt schnell und meine Wasservorräte neigen sich dem Ende zu. Handschuhe, Mütze, Halstuch, Fleece und Windstopper: wir sind zugeschnürt bis oben hin. Durch die ständigen Vibrationen am Lenker schmerzen meine Handgelenke. Finger - und Fußspitzen sind halb abgefroren, die Lippen spröde und der Schädel dröhnt. Plötzlich gibt es einen Ruck und ich verliere fast die Balance. Der Sattel hat sich gelöst, ein Ermüdungsbruch der Sattelbefestigungsschraube. In eisigen Höhen beginnen Tobi und ich zu improvisieren und können den Sattel vorerst mit einem Stück Restgewinde justieren.
Es beginnt zu schneien. Für die letzten 5 Kilometer bis zur Passspitze benötigen wir mehr als ein Stunde. Zur selben Zeit kommen uns auf der schmalen Straße unzählige Militärtrucks entgegen, die uns nun völlig aus dem Rhythmus bringen. Hechelnd erreichen wir den Tanglang La. Ein hässlicher Fleck. Hunderte leere Teefässer zieren das Bild der zweithöchsten Passstraße der Welt. Kopfschmerzen und Kälte zwingen uns zur Weiterfahrt. Doch die Abfahrt entschädigt keineswegs das anstrengende Bergauf. Ab 4000m geht der Schnee in Regen über, völlig durchnässt bauen wir in der Dämmerung unser Zelt auf. Na dann, Gute Nacht.


Up

Von Leh trennen uns am heutigen Tag nur noch 70 km, eine mehrstündige, rasante Abfahrt. Mittlerweile hat der Sauerstoffgehalt der Luft einen angenehm gewohnten Wert erreicht. Kinder am Wegesrand kreischen laut "one pen, one pen". Ich mache ein paar Fotos von den wilden Kerlen, dafür gibt es einen meiner letzten KPMG-Kugelschreiber. Das ist der Deal.
Wir erreichen Leh, sind stolz auf unsere Leistung und verbringen von nun an die meiste Zeit in tibetischen Küchen.
Gestärkt und ausgeruht nehme ich nach einigen Tagen Pause den letzten hohen Anstieg in Angriff. Diesmal allerdings ohne Gepäck, dafür aber mit der notwendigen schriftlichen Genehmigung. Die 40 km bergauf verlaufen diesmal problemlos. In weniger als vier Stunden erreiche ich den mit 5602m "highest motorable pass of the world". Das Wetter spielt mit und ermöglicht mir eine grandiose Aussicht auf die umliegenden Täler.
Ich halte mir das Höhenprofil vor Augen, das uns die letzte Woche über als einzige Karte gedient hat. Die harte Nuss ist geknackt, die Stimmung auf ihrem höchsten Punkt.
Glücklich und zufrieden trete ich die verdiente Abfahrt zurück nach Leh an.
Wenige Kilometer unter der Passspitze rase ich in ein Schlagloch. Kurz vor unserer Bleibe kommt es fast zu einem Zusammenstoß mit einem Pkw.
Es geht wieder bergab. Na, das kann ja heiter werden…

 

Sebastian