Indonesians? No Terrorists!

27.07.2002
 

Der Vulkan sollte unser letzter großer Pass dieser Reise werden, nur das
wussten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Der Tag bricht gewöhnlich an. Reis zum Frühstück, dann aufs Rad. Das Land
der "Hello Mista"-Brüller gibt uns wettermäßig a hard time. Während wir
auf Sumatra dem Regen auf einem Hochplateau im Landesinneren halbwegs
entgehen konnten, gibt es hier auf Java kein Entrinnen. Das feuchtschwüle Klima,
das unsere Radklamotten wie nasse Lappen auf der Haut kleben lässt, findet
seinen Höhepunkt stets am frühen Nachmittag, wenn sich innerhalb weniger
Minuten grauschwarze Wolken über uns verdichten und der Himmel sintflutartig alle
Schleusen öffnet. Monsun in Indonesien. Wirklich trocken sind wir nie.
Wir verlassen die Hauptstrasse und folgen der Wegbeschreibung der
Einheimischen auf eine einspurige Dorfstrasse. Exakte Streckenangaben lassen sich nur
schwer herauskriegen; geplant ist es, die Vulkanspitze zu erreichen und im
erloschenen Krater zu übernachten. Die kurvige Strasse windet sich durch die
Berge und führt uns hinauf zu einem Dorf. Es ist Sonntag, ein Fest mit Bühne
und Liveband ist im vollen Gange. Lunchpakete werden kostenlos verteilt, die
Leute lachen und tanzen. Neugierig nähern wir uns und verursachen durch
unsere Präsenz das zu erwartende Chaos. Die Gegend ist zu abgelegen, man ist
Touristenbesuche nicht gewöhnt. Man bittet uns, Platz zu nehmen und bietet uns
Essen an. Schließlich tritt der Bühnenmoderator vor und bittet uns einen
Song auf der Bühne zu spielen. Die Begeisterung der Umstehenden hierfür ist
groß, unsere Eigene hält sich zunächst in Grenzen. Mir kommt die Idee,
auf die Bühne zu springen und den von Stefan Raab produzierten Song "Ich liebe
deutsche Land" vorzutragen, verwerfe den Gedanken dann aber wieder. Wir
wollen unsere Gastgeber schließlich nicht verarschen.
Sebastians Gitarrenkünste sind zwar beachtlich, leider fehlt ihm das
übliche Lagerfeuerrepertoire.
"House of the Rising Sun?"
"Hmm, ja müsste gehen."
Wir betreten über eine kleine Leiter die Bühne. Ich atme ein und versuche,
mein Selbstbewusstsein auf das nötige Maß hochzuschrauben, welches man
braucht, um vor 300 Indonesiern eine ungeübte Live-Performance hinzulegen. Vor
ein paar Tagen verfolgten wir die Asian MTV-Musicawards in Singapoure und
machten uns über die hohlen oberflächlichen Moderatorensprüche lustig.
Vielleicht sollte Ich es einfach genauso machen.
Glücklich lachend, als hätte Ich soeben einen Preis gewonnen, nehme Ich
das Mikro in die Hand. An einem Dekoschriftband ist der Name der Stadt zu
erkennen.
"Hello Surasthagi!"
Demonstrativ strecke Ich mein Ohr zur Zuschauermenge herab. Ein raunendes
Zurückgrüßen. Scheinbar enttäuscht über die geringe Resonanz folgt
meinerseits ein zweites, diesmal lauteres "Helloou Surasthaaagiiii!!!"
Die Menge tobt.
Während Sebastian professionell die Gitarre übernimmt, sie zu stimmen
beginnt und die Menge keines Blickes würdigt, lege Ich los:
"It's a great pleasure to be here on stage today. Let me introduce ourselves
first." Blablabla. Von den Anwesenden sprach weniger als fünf Prozent
Englisch. Insofern hätte Ich auch die Lottoziehung der letzten Woche vortragen
können. Am Ende konnte Ich mir ein "You guys really rock!" nicht verkneifen.
Was Robbie Williams in Singapoure vor fünftausend Menschen rauslässt, kann
hier nicht schlechter ankommen.
Die Gitarren- und Gesangseinlage verlauft problemlos. Die Kameras knipsen,
ständig kommen Leute auf die Bühne um sich mit uns ablichten zu lassen.
Unter Beifall verlassen wir die Bühne, bevor jemand auf die Idee kommen
könnte, Zugabe zu verlangen. Der Moderator übernimmt wieder das Ruder, spricht
einen indonesischen Nachruf und endet an uns gewandt mit den Worten:
"Indonesian no Terrorist!" Wir klatschen.
Nach höflicher Verabschiedung vom halben Dorf sitzen wir wieder auf den
Rädern. Es geht steil bergauf. Die Gegend wird einsam, die Strasse schlecht.
Die Steigung ist härter, als wir erwartet hatten. Am späten Nachmittag machen
wir uns über die Lunchpakete des Dorffestes her.
Kurz vor Sonnenuntergang erreichen wir den Krater und werden mit einer
fantastischen Aussicht belohnt. Der Krater hat einen Durchmesser von ca. zehn
Kilometern und die angeblich einzige Ess- und Schlafmöglichkeit soll sich auf
der gegenüberliegenden Spitze befinden. Es ist merklich kühler und trockener
hier oben auf 2000m Höhe. Die einbrechende Dunkelheit treibt uns voran. Die
Strasse führt höher und höher und scheint kein Ende zu nehmen.
Erschöpfung macht sich im Körper deutlich bemerkbar. Tief in uns schaffen wir es
jedoch immer wieder, neue Kraftquellen aufzutun. Bloß nicht mehr anhalten. Der
aufziehende Nebel taucht die Umgebung in ein gespenstisches Licht. Sebastian
zieht im stehenden Tritt vorne weg und verschwindet im Nebel. Minutenlang
genieße Ich die Stille und Friedlichkeit der Umgebung und versinke gedanklich in
Nachtträumereien. Die schmerzenden Glieder und die Erschöpfung zerstören
die innere Ruhe und holen mich in die Realität zurück. Innerlich beginne Ich
zu fluchen und frage mich, wie weit dieses verdammte Dorf weg sein kann.
Hatten wir in der Finsternis etwa einen Abzweig übersehen?
Endlich ein Licht. Eine Person mitten auf der Strasse bringt mich zum
stoppen. Sebastian. Das Dorf stellt sich als Bergstation mit einem einzigen Haus
heraus. Die fünf finster guckenden Männer sind Bergwächter und Arbeiter
einer Telegrafenstation. Der Zuständige erkennt unsere Situation und verlangt
umgerechnet 5 $ für einen Raum. Wir drohen, vorm Haus unser Zelt
aufzuschlagen, sofern er nicht mit dem Preis runtergeht.
Zwischenzeitlich lassen wir uns im Haus nieder und bestellen Nudelsuppe. Die
umstehenden Männer packen ihre Englischkenntnisse aus und versuchen
Konversation. Ein Moslem mit langem schwarzen Rauschebart, weißer Kappe und weißem
Gewand wird uns als Osama Bin Laden vorgestellt. Sein Gegenüber mit dickem
Schnauzbart und Bürstenschnitt sei Saddam Hussein. Die optischen Parallelen
sind verblüffend. Der Preis wird runtergehandelt, wir beginnen uns zu
entspannen. Einem alten Kassettenrecorder werden unerwartete Bluesklänge entlockt.
Sebastian versucht, die Stimmung weiter aufzulockern. Er zeigt auf ein
Bierwerbungsplakat, auf welchem eine vollbusige Indonesierin im Bikini mit dem
lokalen Gebräu posiert.
"If she comes tonight, you can send her to my place."
Gröhlendes Gelaechter. Er grinst mich an.
"Mit so nem Witz könnte man in Deutschland aber keine Punkte mehr machen."
Er hat recht. In dieser Hinsicht sind wir gegenüber Indonesien wesentlich
weiterentwickelt.
Hätte es Alkohol gegeben, wäre der Abend vielleicht noch länger geworden.
Wenigstens müssen wir nicht mehr singen. Erschöpft falle Ich ins Doppelbett und überdenke angesichts der Anwesenheit Ossama Bin Ladens und Saddam Hussains noch mal die vielsagende These des Moderators… Indonesians? No Terrorists!

Toby