Lass doch mal das Kind nach vorne

11.09.2002
 


Wer kennt ihn nicht, den Sketch von Loriot. Ein gepflegtes Mittagessen im Restaurant soll es sein. Doch so richtig kann Loriot seine Mahlzeit nicht geniessen. Die ständige Nachfrage des Kellners "schmeckts, schmeckts?" und die Neugierde vieler Restaurantbesucher geben ihm keine ruhige Minute. "Lass doch mal das Kind nach vorne", heisst es zum Schluss des Kurzfilms, als das ganze Restaurant voller Erwartung Loriots Tisch umstellt.
Mit dieser Art der Neugierde sind wir (Tobi, Kristian und ich) in Pakistan täglich konfrontiert. Ende Juli befinden wir uns in Quetta, der Hauptstadt Baluchistans, der größten Region Pakistans.
Tagsüber stolpere ich anfangs noch etwas unsicher die Mainstreet auf und ab. Es herrscht Linksverkehr und die Baluchis fahren so wild Auto, Riksha, Fahrrad und Ochsenkarren, wie sie aussehen. Kristian versucht tagelang einen Ersatz für seine kaputte Isomatte zu bekommen, doch das einzige "Outdoorequipment", das wir in Quetta angeboten bekommen, sind Drogen und Waffen. Das Strassenbild ist ansonsten geprägt von vielen afghanischen Flüchtlingen; kein Wunder, bis zur Grenze sind es gerade mal 70 Kilometer. In diesen Tagen sind wir anscheinend die einzigen Touristen in dieser Gegend und die Resonanz auf uns ist äusserst unterschiedlich. Doch manchmal wirft mir auch der grimmigste Rauschebart und Turbanträger ein Lächeln zu.
Wir schlendern über den Basar im Zentrum der Stadt. Farooq, ein junger Textilhändler aus Afghanistan, führt uns durch die engen Gassen und steht uns mit Rat und Tat zur Seite. Er zeigt uns seinen kleinen Laden, in dem er traditionelle pakistanische und afghanische Kleidung anbietet. Mit seinem 3-Tage-Bart macht Tobi kein schlechtes Bild in seinem Shalwar Kameez, der traditionellen Tracht der Pachtunen, die ca. 70 % der Bevölkerung Baluchistans bilden. Aus Neugier lasse ich mich nach afghanischem Brauch völlig verschleiern. Für mich eine erschreckende Erfahrung, wie Frauen unter der damaligen Taliban-Herrschaft gezwungen waren, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen. Durch das grobe Gesichtsnetz habe ich kaum Luft bekommen.
Am selben Tag entdecke ich noch einen alten Buchladen, durchstöbere ihn nach ein paar Landkarten und bekomme Fernweh, als ich auf ein paar Lonely Planet Reiseführer von den Bahamas und Bali stoße. Die Farbfotos zeigen Sonne, Strand und Palmen. Das Fenster des Buchladens zur Hauptstraße hin zeigt Verkehrschaos, Staub und Dreck.
Bevor wir uns wieder auf die Räder schwingen, erwischt uns, bzw. Tobi, der wohl größte Feind auf unserer bevorstehenden Reise durch Pakistan - der Hygienemangel. Nach einem Straßensnack liegt mein treuer Reisepartner zwei Tage flach im Hotelzimmer. Doch auch Kristian und ich sollten in naher Zukunft nicht davon verschont bleiben.
Gesund und erholt füllt Tobi am Tag unserer Abreise noch die letzten Tropfen Wodka, die wir über einige Umwege ergattern konnten (auch Pakistan ist ein streng muslimischen Land), in seine Trinkflasche. "Für alle Notfälle, man weiß ja nie", begründet er mit einem Lächeln.
Wir wählen die kürzeste, doch wohl zugleich bergigste Route durch die ehemals Britische Kolonie.
Unser erster Reisetag ist allerdings mal wieder geprägt von Hindernissen. Nach ca. 40 Kilometern machen wir gezwungenermaßen Halt in einem Ort names Kash Lack. Diesmal ist mir schlecht. Schlecht von dem Linseneintopf, den ich zuvor in Quetta gegessen habe. Wir stehen im Zentrum dieses hässlichen Dorfes umringt von hunderten neugierigen Blicken. Ich schütte einen Liter Wasser im Eiltempo herunter, bei der Hitze ist die Kehle immer trocken.
Jeder Handgriff wird von der glotzenden Meute akribisch genau beobachtet. In dieser Hinsicht ist der Pakistani gar nicht mal so unangenehm. Er stellt keine dummen Fragen, steht einfach nur da und glotzt, als würde er auf ein großes Ereignis warten. Und in der Tat, diesmal konnte ich den Einheimischen wirklich etwas völlig Neues bieten, wenn auch ungewollt. Linseneintopf, 40 Grad im Schatten, Malariaprophylaxe, totale Erschöpfung. Ich kann mich nicht mehr länger zurückhalten, versuche den Massen zu entweichen, schiebe einige Neugierige bei Seite und übergebe mich direkt vor dem Schaufenster einer Apotheke." Ich habe schon Pferde vor der Apotheke kotzen sehen", aber so etwas habe ich mir selbst nicht zugetraut. Fast fünf Minuten dauert diese unangenehme Prozedur. Mittlerweile hat sich das halbe Dorf um mich herum versammelt. Irgendwie scheine ich für solche peinlichen Situationen ein wahrer Publikumsmagnet zu sein. Ich erinnere mich allzu gerne an die türkische Fürsorge an "meinem stillen Örtchen".
Nichtsdestotrotz versuche ich das Beste aus der Situation zu machen. Nach kurzer Zeit geht es mir schon etwas besser. Ich raffe mich aus meiner gebeugten Haltung wieder auf, drehe mich zum Publikum, mache eine Becker-Faust und reiße triumphierend die Arme in die Luft. So etwas haben die Baluchis wahrscheinlich noch nie zu Gesicht bekommen. Einen völlig bleichen Europäer im engen, bunten Radfahrdress, der sich zunächst in aller Öffentlichkeit übergibt und danach in Siegerpose für seine Tat geradesteht. Der erwartete Applaus bleibt allerdings aus. "Tut mir leid Jungs", denke ich, "ich habe mein bestes gegeben, mehr war nun wirklich nicht drin".
Die Einladung zweier, junger, englischsprechender Pakistanis für eine Ruhepause nehme ich dankend an. Als wir Stunden später das Dorf wieder verlassen, statte ich dem betroffenen Apotheker noch einen kurzen Besuch ab, um mich für mein Fauxpas zu entschuldigen. Er ist noch etwas besorgt um mich, spendiert mir eine Cola und empfiehlt mir noch ein paar Tabletten.
Wir verbringen diese Nacht an einem Polizei-Checkpoint. Dort haben wir zumindest bis zum nächsten Morgen unsere Ruhe. Ich falle völlig erschöpft in meinen Schlafsack und schlafe wie ein Stein.
Die weiteren Tage sehen zunächst etwas entspannter aus. An die Steine werfenden Kinder können wir uns zwar eben so wenig gewöhnen, wie an die überaus schlechte Strassenqualität, doch zunehmend entschädigt uns die atemberaubende Natur. Sowohl die karge Bergwelt nahe der afghanischen Grenze, als auch die riesigen, fruchtbaren Apfelbaumplantagen in den höhergelegenen Regionen haben ihren Reiz. Harun, ein Informatikstudent aus Islamabad lädt uns zu sich und seiner Familie ein. Auf 2600 Metern ist das Klima erträglich. Seine Mutter, die wir natürlich nicht zu Gesicht bekommen, kocht vorzüglich.
Kristian ist allerdings der letzte im Bunde, der mit der pakistanischen Küche zu kämpfen hat. Die zwei nächsten Nächte verbringt er mehr Zeit auf der Toilette als in seinem Schlafsack. (Anmerkung der Redaktion: Bei Interesse des äusserst amüsanten Tathergangs von Kristians Überlebenskampf kontaktieren Sie bitte den Betroffenen direkt unter kriscrossbikn@yahoo.com oder unserem Gästeforum).
Als wir wenige Tage später alle gesund wieder aufbrechen, kommen wir wieder gut in unseren Rhythmus. Größtes Radfahrhighlight - neben ein paar 3000er Pässen und Serpentinen - war ein abgesperrtes Straßenstück. Unzählige von handballgrossen Steinen prägten die frischasphaltierte Straße, um Autofahrer von einer frühzeitigen Benutzung abzuhalten. Eine wahre Slalomfahrt auf glatter, ebener Strasse mit viel Rückenwind. Volle Konzentration sonst ist die Felge hinüber!!
Ansonsten änderte sich an unseren Dorfbesuchen und Einkäufen nicht viel. Mit zwei Flaschen Wasser und einer Packung Keksen unter dem Arm dränge ich mich durch die staunende Menschenmenge vom Laden zurück zu meinem Fahrrad. Hunderte Gesichter verfolgen genaustens, wie ich das abgepackte Wasser in meine Radflaschen fülle. Mit der Zeit habe ich mich an diese täglich Situation gewöhnt.
Mir fällt ein kleiner, neugieriger Junge mit grossen Augen in den hinteren Reihen auf. Ich denke an Loriot, winke ihn zu mir heran und gebe ihm ein paar von meinen Keksen ab. Er strahlt, so wie ich, als ich wenig später ausserhalb der Stadt auf dem Fahrrad meine Ruhe habe. Auf nach Indien!

 

Sebastian