Mullahs, Mopeds, Menschentrauben

08.07.2002
 

Jeder Radglobetrotter hat so seine eigenen Vorlieben des Reisens. Der eine bevorzugt flaches Land, der andere liebt die Küstenluft, ein dritter fühlt sich in den Bergen am wohlsten. Ich persönlich zähle mich zu letzterem. Eine weitere, von mir vor kurzem entdeckte Leidenschaft des Radfahrens, sind Grenzübergänge. Keine Ahnung warum, aber irgendwie haben Grenzübergänge immer etwas spannendes und erwartungsvolles für mich. Neue Menschen, neue Kulturen, eine neue Währung. Ein neuer Abschnitt beginnt. Neunmal auf dieser Reise kamen wir bis jetzt in den Genuss.
Es ist Mitte Juni, vor uns liegt diesmal die Iranische Grenze. Mit einer Gesamtfläche von mehr als 1,6 Mio. Quadratkilometern ist der Iran mehr als doppelt so groß wie die Türkei. "Wenn uns die Jugoslawen vor den Bulgaren warnen, die Bulgaren vor den Türken, dann werden wir wohl in kurzer Zeit die Hölle betreten", scherzte ich, als wir mit unseren Rädern an die Kontrollstation der Grenze heranrollten.
Die nach außen hin so verschlossen wirkende islamische Republik weckte in mir eine große Neugier. Geschichte, Politik und Kulturhighlights konnte ich in jedem Reiseführer nachlesen, doch welche Probleme, welche Hoffnungen und Interessen hat die Bevölkerung und speziell die jüngere Generation? Das Land hat sicherlich einiges mehr zu bieten als Öl und Perserteppiche.
Korruptionen und blutige Straßenschlachten während der Schahzeit, öffentliche Exekutionen unter Ayatollah Khomeini, die traurige Vergangenheit. Frauen im Hintergrund, von Kopf bis Fuß verschleiert - jegliche Antipathie zur westlichen Welt - ein immer noch weitverbreitetes Bild über den Iran!?
In den letzten Jahren jedoch hat sich auf den ersten Blick einiges nach außen hin verändert. Einen Teil dieser Veränderungen bekommen wir direkt an der Grenze zu spüren. Wir schieben unsere Räder über den frisch geputzten Fliesenboden des Iranischen Zolls. Ein Beamter winkt uns zu sich heran. "Wohl das Übliche …", denke ich. Where are you from? Anything to declare? Where do you intend to go? Fehlanzeige! Der nette Herr im weißen Hemd spricht nur vom Fußball und will von uns wissen, wer denn Weltmeister wird. Keiner rührt unsere Taschen an und nachdem jeder seinen Tipp abgegeben hat rollen wir wenig später das erste mal über iranischen Asphalt.
Ab nun tickt die Uhr anders herum. Neue Zeitzone, neue Währung, neue Sprache und eine neue Schrift. Es wird farsi gesprochen und geschrieben. Von rechts nach links gelesen, Bücher und Zeitschriften dementsprechend von "hinten" nach "vorne" geblättert. Im Straßenverkehr wird offiziell noch rechts gefahren, doch nach einer Woche in der iranischen Hauptstadt bin ich mir da nicht mehr so sicher. Mehr dazu später.
Während wir nun kräftig in die Pedale treten, nutze ich die Verkehrsschilder mit den Kilometerangaben neben der Strasse, um die Zahlen in farsi zu erlernen. Schließlich wollen wir uns beim Handeln nicht übers Ohr hauen lassen.
Nach einiger Zeit erreichen wir Maku, den ersten größeren Ort nach der Grenze. Auf einem Marktplatz machen wir Halt, um uns mit den notwendigen Lebensmitteln einzudecken. Im Nu sind wir mal wieder umzingelt von einer Horde Menschen. Vor uns, hinter uns, links, rechts - kein Durchkommen. Der Obsthändler versucht das Chaos zu koordinieren, vergebens, mittlerweile stehen mehr als hundert Neugierige um uns herum. Es grenzt schon fast an ein Kunststück, mit der linken Hand das Fahrrad balancierend, mit der Rechten Geld gegen Ware tauschend. Als wir wenig später aus der Stadt herausrollen, erwecken wir das Bild eines großen Staatsbesuchs. Unzählig viele hupende Motorroller sorgen für ausreichenden Geleitschutz.
Am nächsten Tag kommen wir in Marand an, der ersten Universitätsstadt auf unserem Weg. Ein Segen für das Land, dass unter dem Mullah-Regime nicht sämtliche Universitäten geschlossen bzw. abgeschafft wurden. Auch wenn die Bildung in der Statistik nicht auftaucht, zählt sie neben Öl und Gas zu den wichtigsten "Schätzen" des Landes. Ohne sie wäre der Iran wohl völlig in die Steinzeit zurück gefallen. Als Gesetzesgrundlage des Gottesstaates dient der mehr als 1500 Jahre alte Koran.
Wir lernen Nader und Medi kennen, zwei Maschinenbaustudenten, mit denen die Kommunikation auf Englisch reibungslos verläuft. Unterkunft und Verpflegung sind für diese Nacht mal wieder gesichert. Die Gastfreundschaft im Iran ist einfach unglaublich, wie sich auch in den nächsten Wochen bei Tobis Verwandten herausstellt.
Am nächsten Morgen treffen wir uns mit weiteren Studenten vor der örtlichen Universität. Wir wollen dort per Internet unsere Mails abrufen und den einen oder anderen Blick auf den Campus werfen. Vor dem Unigelände werden wir schnell zum Gesprächsthema Nummer 1. Doch irgendwie haben das Getuschel im Hintergrund und die vielen heimlichen Blicke ihren Reiz. Ich könnte mich daran gewöhnen.
Mittlerweile kann ich auch dem Shador (Schleier) etwas geheimnisvolles abgewinnen, der des Öfteren ein hübsches Gesicht verhüllt.
Auf meine Fragen hin, warum alle Frauen den Shador tragen müssen, bekomme ich die unterschiedlichsten Antworten. Laut des Propheten Mohammed sollten alle Frauen ihr Haupthaar bedecken, um die Männerwelt nicht mit ihren optischen Reizen zu beeinflussen. Andere erzählten mir von Königen, die ihren Frauen befahlen, ihre Schönheit öffentlich nicht preiszugeben. Manche wussten gar nichts über den geschichtlichen Hintergrund der Schleiertradition. Man trägt ihn halt, den Shador.
Diese Divergenz der Antworten spiegelt meiner Meinung nach das Desinteresse der jungen Leute bezüglich des Islams wieder. Nur sehr wenige scheinen sich heutzutage noch damit zu identifizieren. Der Reiz liegt in der westlichen Welt. DVDs, Sony-Playstations, MP3-Player, Handys, Internet, Levis.....die Liste ist unendlich lang. In den großen Städten Iran, wie Tabriz oder Teheran, flanieren junge Frauen stolz auf und ab. Nagellack, Lippenstift, Lidschatten und Schuhe mit Absatz erscheinen selbstverständlich; vor fünf Jahren noch undenkbar. Kopftücher werden immer offener getragen und die anfänglichen schüchternen Blicke auf uns entwickeln sich öfters zu einem kleinen Smalltalk.
Vor einigen Jahren war es noch unmöglich, sich mit dem anderen Geschlecht in der Öffentlichkeit zu unterhalten. Im Zentrum Teherans begegnen wir vielen Pärchen, die "Händchen" halten. Küssen in der Öffentlichkeit sollte man allerdings tunlichst vermeiden. Auch wenn Peitschenhiebe in den letzten Jahren immer weniger praktiziert wurden, handelt man sich mit dieser Zärtlichkeit nicht nur großes Unverständnis der älteren Generation, sondern auch saftige Geldstrafen ein.
Das gleiche gilt im übrigen auch für den Konsum von Alkohol, den der Islam strengstens verbietet. Aber wer 1 + 1 zusammenzählen kann, weiß, dass Verbote unter anderem dazu da sind, missachtet zu werden. In Rasht am Kaspischen Meer lernen wir erneut ein paar Studenten kennen, die uns zum "Kartenspielen" einladen. Die Karten bleiben natürlich in der Schublade. Es gibt billigen Whiskey aus Russland, für den die Jungs anscheinend ein Vermögen haben zahlen müssen. Eine halbe Stunde später liegen sie auf dem Boden und kichern wie kleine Mädchen.
Unsere Räder stehen schon seit Tagen still. Besuche bei Tobis Verwandten sind angesagt; das Beste, was einem Radfahrer passieren kann. Während ich frühstücke, sind die Vorbereitungen für das Mittagessen in vollem Gange. Kaum ist der letzte Bissen zu Mittag verdaut, werden reichlich Kekse, Tee und Früchte gereicht. Kurze Zeit später wird der Tisch, bzw. der Teppich erneut für das Abendessen gedeckt. Auch wenn ich regelmäßig meine Kniescheiben verdrehe, wenn ich mich zum Essen in den Schneidersitz begebe, bin ich jedes Mal wieder angetan von den reichhaltigen iranischen Spezialitäten, die mir geboten werden. Wir fühlen uns rundherum wohl, endlich mal wieder ein Dach über dem Kopf.
Neben nervenaufreibenden Botschaftsbesuchen in Teheran verbringen wir mit der Familie ein paar Tage in Rasht und ziehen uns für ein Wochenende nach Masule, einem traumhaft schönen Bergdorf, zum Wandern zurück.
Eine Sache hat mich im Iran allerdings stark erschüttert. Nein, ich meine nicht den außerordentlich schlechten Geschmack an goldenem Krimskrams, auch nicht die vielen hässlichen Wanduhren in den Wohnzimmern, von denen meist nur eine funktioniert, nein, vielmehr das Umweltbewusstsein der iranischen Bevölkerung. Mülleimer gibt es nirgends, und was man nicht mehr braucht wird einfach fallengelassen. Autos heizen mit allem was brennt und die vielen Klimaanlagen an den Hauswänden sorgen für den Rest. Teheran gleicht eher einer Beton- und Blechwüste, ständig umgeben von einer riesigen Smogwolke. Die Rushhour auf den Highways beginnt um 0.00 Uhr und endet um 24.00 Uhr. Obwohl es seit einigen Jahren ein U-Bahn-Netz in der iranischen Hauptstadt gibt, scheint der Mobilitätsdrang der Bevölkerung weiterhin alle Kapazitäten zu sprengen.
Doch egal wie dicht sich die Paykans, Peugots und Kias auf den Strassen drängen, ein 125er Roller passt immer noch dazwischen.
Sind Combis und Vans im gutbürgerlichen Deutschland beliebte Familienautos, scheint sich im Iran der Familienroller durchgesetzt zu haben. Nicht selten sieht man 4-köpfige Familien allesamt auf einem Roller durch das Straßenchaos flitzen. In fünf Jahren sollte ich als ausgebildeter Wirtschaftsingenieur nochmals in den Iran reisen. Ein paar Müllentsorgungssysteme konzipieren und für eine ausreichende Verkehrsinfrastruktur in den Ballungsräumen sorgen. Das Land hätte es nötig. Es hat sich einiges getan in der islamischen Republik. Zumindest nach außen hin. Die Jugend orientiert sich immer mehr an westlichen Werten, die Mullahs weiterhin am Koran. Letztere sitzen allerdings weiterhin an den Hebeln der Macht und das System bleibt gleich.
Ein Jägerschnitzel mit Pommes und einem kleinen Pils wird sicherlich nicht so schnell am Kaspischen Meer zu haben sein. Ist an sich auch nicht nötig……bei der exzellenten Küche.

Sebastian

 

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