Radfahreralltag

20.05.2002
 

Vor exakt 5 Wochen verbrachte Ich meinen Freitagabend (ausnahmsweise) im 90 Grad. So, wie Ich jetzt aussehe, wuerde Ich wohl an den Tuerstehern des Rock-It scheitern.
Je weiter wir uns von unserem Zuhause mit all den gewohnten Bequemlichkeiten entfernen, desto mehr schaffen wir es, uns von an sich nutzlosen Dingen des Alltags zu trennen. Auf der Strecke bleiben viele Kosmetika, Werkzeug, Ersatzteile, Medikamente und Klamotten ohne wirklichen Funktionswert.
Entsprechend veraendert sich unser Aussehen. Braungebrannt und durchtrainiert, stets unrasiert, verschwitzt und in schmuddeligen Sachen, entsprechen wir mehr und mehr dem Bild des typischen Aussteigers.
Wir essen alles und wir trinken alles. Das in Knoblauch gebratene Lammfleisch vom Bauern wird mit selbstgemachtem Schnaps oder Rotwein runtergespuelt und danach fahren wir weiter. Morgens im Zelt gab es schon oefters mal ne Zwiebel, die vom Vortag uebriggeblieben ist, mit Weissbrot, Salz und Pfeffer. Manchmal, wenn wir schlecht kalkulieren, ist morgens nichts da. Dann wird gehungert, bis man nach 20 km an einem Supermarkt haelt. Insgesamt macht die Radfahrerei recht hart. Irgendwas tut immer weh, manchmal Muskeln, manchmal Gelenke, manchmal liegen einfach nur die Nerven blank. Das alles kann jedoch nicht ueber die vielen schoenen Momente des Fahrens hinwegtaeuschen. Es ist ein staendiges Auf und Ab, ein Geben und Nehmen.
Wenn man gerade wieder am verzweifeln ist, weil sich keine Unterkunft finden laesst, kommt im naechsten Moment ein rettender Engel und laedt uns zu sich ein. Viele dieser Erlebnisse kann man in keinem Reisebuero buchen. Wer kann von sich schon behaupten, von serbischen Hells Angels zum Bier eingeladen und eine Unterkunft bekommen zu haben?

Ein normaler Radfahrtag sieht so aus:
Aufstehen zwischen 7-9 Uhr, Zelt abbauen bzw. Unterkunft verlassen, manchmal fruehstuecken, spaetestens um 10 Uhr bepackt auf dem Rad sitzen.
Mindestens 8 Stunden fahren, davon sind ca. 1,5 - 2 Stunden Pause dabei, im Schnitt alle 30 km, meistens verbunden mit Einkauferei, Obst, Muesli, Milch, Suesskram, alles was sich sofort ohne Zubereitung essen laesst.
Ab 18 Uhr Unterkunft suchen, ums Essen kuemmern, waschen umziehen, kochen, Zelt aufbauen. In Grossstaedten empfielt sich eine fruehere Ankunftszeit, da man sich oft schwer zurechtfindet.
Danach eigentlich "Freizeit", sofern nichts sonstiges ansteht.
An einem Fahrtag mit ueber 100 km sind wir aber meistens zu erschoepft um noch gross Reiseberichte zu schreiben. Machmal reicht es noch fuer ein Bier in einer einheimischen Kneipe. Dort lernt man immer recht schnell Leute kennen und es besteht die Gefahr, dass sich der Abend verlaengert.

Die natuerlichen Feinde des Radfahrers:
- Hunde. Je weiter suedlich wir uns bewegen, desto aggressiver und wilder werden diese streunenden Viecher. Meine Hunde-Eisenstange rostete bisher nutzlos vor sich hin. Demnaechst werde Ich sie wohl einweihen koennen bzw. muessen.
- Wetter. Gute Wetterverhaeltnisse sind fuers staendige Fortkommen entscheidend. Sowohl starke Hitze, als auch Kaelte sind belastend. Am schlimmsten ist Dauerregen. Da hilft auch der tollste teuerste Goretex-Scheiss nichts, irgendwo ist immer eine offene Ritze, irgendwann ist alles nass und durchweicht.
- Gegenwind. Schlechte Windverhaeltnisse koennen mehr strapazieren, als die schlimmste Steigung. Man wird agressiv und frustriert, wenn man nach einem anstrengendem Berg auch abwaerts noch voll reintreten muss, um vom Fleck zu kommen (fragt mal unseren Webmaster). (Anmerkung des Webmaster: Oh ja, sie haben ja sooo recht!!! :-) )
- Lastwagen. Zu Lastwagen haben wir ein ambivalentes Verhaeltnis. Die Entgegenkommenden schleudern uns Dreck in die Fresse und bremsen uns mit ihrem Windzug. Die Ueberholenden ziehen uns in ihrem Windschatten nach vorne. Nervend ist manchmal der geringe Seitenabstand und das Hupen, besonders in Tunneln. Einmal hielt Ich mich an einem langsam ueberholendem LKW fest und liess mich einige Kilometer bis zu einer Passspitze mitziehen. Der Fahrer lachte aus dem Fenster und winkte mir zum Abschied zu. Spaeter musste Ich mir dafuer derbe Beschimpfungen meines Reisepartners gefallen lassen.
- Grossstaedte. Grossstaedte sind laut, aggressiv und stark befahren, es dauert immer ein Weilchen, um sich zurechtzufinden und man stoesst auf wenig Hilfsbereitschaft. Wenn moeglich umfaehrt man sie.
Insgesamt vermisse Ich die Bequemlichkeiten des deutschen Alltags nicht besonders. Man lernt, ohne vieles auszukommen und schafft es, sich auf die einfachen Dinge zurueckzubesinnen.
Wenn mich jemand nach dem Sinn meiner Reise fragt, reitzt es mich, zurueckzufragen; "Warum lebst Du?" In der Regel antworte Ich auf die haeufige Frage "Why?" mit einem Grinsen "Why not?". Jedes weitere Gespraech wuerde in eine philosophische Grundsatzdiskussion ausarten.
Es ist jedem Menschen zu wuenschen, dass er irgendwann im Leben die Zeit findet, aus seinem taeglichen Mikrokosmos auszubrechen und seinen eigenen Traum zu verwirklichen. Egal, ob man einen Berg besteigt, einen Oldtimer restauriert oder mit dem Rad durch die Weltgeschichte faehrt, es gilt letztlich doch immer der alte Spruch: Der Weg ist das Ziel.

Toby

 

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