Sehnsucht nach...

18.02.2003
 

Das "Fasten Seat Belt"-Zeichen erlischt auf dem Display über meinem Sitz. Biman Bangladesh Airlines hat uns schliesslich sicher mit mehr als 5 Stunden Verspätung nach Bangkok gebracht.
Kulturschock Thailand. Ja, wer hätte das gedacht?; die Hauptstadt ist laut und hektisch und wohl die modernste Metropole auf unserer bisherigen Reise. Während wir in den Dieselwolken der Busse beim Radfahren fast keine Luft mehr bekommen, passieren wir riesige Videowände und Werbetafeln, diverse Fast-Food-Ketten und Riesensupermärkte. Wir schlängeln uns die 20 Km durch die verstopften Strassen bis zu unserer Unterkunft in der Travelerhochburg "Khao San Road".
Thailand scheint uns zunächst alles zu bieten, was wir in den letzten Monaten in einsamen Wüsten- und Bergregionen so vermisst haben. Nightlife, gutes Essen und die mit wohl schönsten Strände und Inseln der Welt. Selbst einen gut ausgestatteten Gitarrenladen finde ich im Zentrum der Hauptstadt und spiele so lange auf einer Fender Stratocaster, bis mich der Ladenbesitzer höflich bittet, das Instrument zu kaufen oder zu gehen.
Die Gitarre wird nicht gekauft und ein paar Tage später befinden wir uns wieder auf den Küstenhighways Richtung Osten. Für die ersten zwei Monate in Süd-Ost-Asien haben wir einen Rundtrip über Kambodscha, Vietnam und Laos geplant.
Drei Länder für die erst einmal Visagebühren von mehr als 250 DM anfielen, drei Länder mit jeweils erschütternden politischen Vergangenheiten, drei Länder, die wir lieben und hassen gelernt haben.
Das durchschnittliche Jahreseinkommen eines Kambodschaners beträgt in etwa 270 US$, eine Summe, die selbst bei unserer momentanen asketischen Lebens- bzw. Reiseart kaum für einen Monat reichen würde. Doch auch der Backpackertourismus hat hier seit einigen Jahren Fuß gefasst. Die Guesthouseauswahl in Kambodschas Hauptstadt Phnom Penh ist riesig, die Speisekarten in US$ ausgewiesen, und in fast jeder Unterkunft gibt es einen großen Fernseher mit täglich mindestens drei Hollywoodproduktionen auf DVD bzw. VCD zu sehen. Den eigentlich Kontakt zu den Einheimischen erleben wir an sich nur zwischen den touristischen Attraktionen.
Kambodschas Straßenqualität ist unübertroffen schlecht, so dass wir aufgrund der vielen Schlaglöcher in Schlangenlinien unsere Tagesetappen zurücklegen. Mensch und Material werden mal wieder bis aufs äußerste belastet. Zwei Fingerspitzen der linken Hand schlafen mir aufgrund der ständigen Vibrationen am Lenker für mehrere Tage ein. Unsere gute alte Pentax gibt zudem nun völlig ihren Geist auf.
Die politische Vergangenheit dieses Königreiches ist erschreckend und schockierend zugleich. In der Zeit der Khmer Rouge (Rote Khmer), einer maoistischen Guerillabewegung, wurden unter dem Pol Pot Regime zwischen 1974-79 fast zwei Millionen Menschen direkt oder indirekt umgebracht. Ziel war nach dem Willen der Revolutionäre ein noch nie dagewesenes Land sozialistischer Prägung entstehen zu lassen, ein Land ohne Ballungszentren und Entfremdung, mit gleichmäßig bewohnten Kommunen mit etwa 1000 Menschen, ein Land des einfachen Lebens, ein Land ohne Klassenunterschiede und ohne Geld, ein Land, das von der Weltgeschichte abgeschnitten werden sollte; beispielloser Terror…
Die Durchsetzung des "privaten Kommunismus" Pol Pots kostete Tausende von Erwachsenen und Kindern das Leben. Intellektuelle und Ausländer wurden ermordet, wer sich am Volkseigentum vergriff, wurde mit der Spitzhacke erschlagen. Wer seine Religion offen ausübte, wurde erschossen. Die Machthaber verbargen sich vor der Bevölkerung hinter dem Pseudonym "Angkar". Angkar sieht alles, Angkar weiß alles, und Angkar muss bedingungslos gehorcht werden.
Wir gehorchen wieder unserem Koerper, der erneut nach Bewegung schreit, verlassen die Hauptstadt, sind froh uns wieder unter das ländliche Volk mischen zu können und stärken uns auf den letzten Kilometern Richtung Vietnam mit vielen, frischgepressten Zucker-Rohr-Drinks.
Nach wenigen Tagen erreichen wir Ho Chi Minh City, ehemals Saigon, die 12 Millionen Metropole im Süden des kommunistischen Landes. Zuvor hätte ich nicht gedacht, das einzig und allein Motorradroller Verkehrstaus verursachen können, doch Saigon hat mich eines Besseren belehrt. Wir erreichen das Zentrum, erkennen einige Travellergesichter aus Phnom Penh wieder und fragen uns, ob wir hier nun richtig oder falsch sind.
Entlang der Küstenstrasse Richtung Nordvietnam habe ich dieses Land mehr hassen als lieben gelernt. "Welches Land war den das anstrengenste auf eurer bisherigen Reise", ist eine häufig gestellte Frage an uns. Ich erwidere meist mit einer Gegenfrage": phyisch oder psychisch?" Vietnam ist anstrengend, hektisch, laut und nervenaufreibend. In der Psychoterrorrangliste rangiert das Land - neben Pakistan - an der Spitze.
Sicherlich ist die Vietnamesische Küche hervorragend, vielleicht sogar die Beste der Reise. Auch die heimische Braukunst lässt keine Wünsche offen. An sogenannten "Bia Hoi"-Ständen (gezapftes Bier), die in vielen Städten an jeder zweiten Straßenecke zu finden sind, gibt es einen frischen Liter für weniger als 30 Cents. Doch selbst die guten Voraussetzungen für Speis und Trank hielten uns nicht davon ab, nach einigen längeren Partynächten an der Südküste, das Land so schnell wie möglich zu verlassen. Trucks, Regen, Gegenwind, schlechte Strassen- unsere größten Feinde - begleiteten uns bis an die Laotische Grenze.
Laos, unsere letzte Chance. Wir haben das Land lieben und schätzen gelernt, auch wenn unser Tagesrhythmus nur wenig mit dem eines Laoten zu tun hatte. Während wir tagsüber mit unseren Rädern arbeiteten, schlief der Laote. Wenn wir nachts schlafen gingen, arbeitete der Laote an seiner Karaokeanlage. Die einzige Gemeinsamkeit war wohl die Vorliebe, zu heimischer Braukunst. Beer Lao, eine wahre Perle der Natur.
Alle Sehnsüchte scheinen verflogen zu sein. Wir fühlen uns wieder weit-weit-weg. Kein Verkehr, kein Mensch...einfach gar nichts. Wir verbringen Weihnachten auf einem Hochplateau umgeben von Bananen- und Kaffeeplantagen. Dieses Jahr kein Weihnachtsstress. Der übliche Familienspaziergang am ersten Feiertag durch Schnee und Eis fällt aus. Stattdessen dösen Tobi und ich mutterseelenallein an einem Wasserfall.
Eigentlich könnte ich es hier noch tagelang aushalten, doch auch nach über 15000 Km im Sattel scheinen unsere Körper förmlich nach Bewegung und Belastung zu schreien. Wir verlassen eines der schönsten Länder unserer Reise und machen uns auf den Weg zurück nach Bangkok.
"Die Erfüllung ist der Feind der Sehnsucht", -ein Zitat von Erich Maria Remarque-auf das ich beim Durchstöbern einer Guesthousebibliothek stoße. Ohne letzteres, also die Sehnsucht, wäre diese Reise wohl gar nicht möglich gewesen, Sehnsucht nach Abenteuer, nach Ferne, Sehnsucht nach neuen Menschen und Kulturen, viele Sehnsüchte unterschiedlicher Art, die sich fortlaufend in einem Wechselspiel befinden. Mal ist es die Ruhe und Einsamkeit, die man vermisst, mal das turbulente Leben einer Großstadt.
Je weiter ich mich von Indien entfernte, desto mehr lernte ich dieses Land zu schätzen; die ausgewogene vegetarische Küche, den Himalaja, ja selbst das Chaos in den Städten vermisse ich ein wenig. Süd-Ost-Asien (soweit wir es bis jetzt kennengelernt haben) ist ein einfacher Reisekontinent.
Radurlaub statt Radabenteuer?
In der Tat hat sich für uns das Radreisen deutlich vereinfacht. Kein Selberkochen und kein Zelten mehr, Dinge, die wir zu Beginn der Reise manchmal verflucht, im Laufe der Zeit aber schaetzen gelernt haben. Nun übernachten wir fast täglich in Guesthouses (günstige Unterkünfte für 3-5 US$), die dem erschöpften Rucksacktouristen vom Wäschewaschen bis hin zur Fußmassage alles mögliche an Service bieten. Komisch, für unsere Füße wollten sie den doppelten Preis.
Viele junge Leute, kühles Bier und pulsierendes Nachtleben....Sehnsüchte aus dem heißen und einsamen Baluchistan, die hier ihre Befriedigung finden.
Doch wie schon Jean Paul Sartre richtig erkannte": leidet der sensible Mensch nicht aus diesem oder jenem Grund, sondern ganz allein, weil nichts auf dieser Welt seine Sehnsucht stillen kann."
Ich will wieder raus aus dem Touristentrubel und meine Wäsche selber waschen…
Fragt sich hierbei allerdings, wie lange es wohl dauert, bis auch diese Sehnsucht gestillt ist. Laos hat hierbei schon einen großen Dienst geleistet...

Wenn ich ehrlich bin, hätte ich Lust zu Silvester in Bangkok mal wieder richtig die Sau rauszulassen.

Sebastian

 

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