The legendary faboulous OBI-Man

27.07.2002
 

Wir schoben unsere Räder langsam neben uns her, umgeben von einer Gruppe junger iranischer Studenten. In einem Imbiss lernten wir die Jungs kennen und wurden eingeladen, im Elternhaus eines der Studenten zu übernachten. Unsere Englisch sprechenden Gesprächspartner waren angenehm zurückhaltend und bewiesen Bildung und Humor. Hätte ein interessanter Abend werden können. Leider kam es etwas anders, wenn auch nicht völlig ohne Unterhaltungswert. Beim Vorbeischlendern an einem Teehaus passierte es: Eine rundliche
Erscheinung kam wild gestikulierend aus der Tür geschossen. Allein das äußere Bild dieses wandelnden Unikums ließ keinen Zweifel. Dies war kein durchschnittlicher Iraner. Der vordere Glatzenansatz wurde durch ein wild toupiertes Haargeflecht kaschiert. Aus dem Gesicht quollen zwei riesige Glupschaugen. Doch der eigentliche Hammer an dem Typen war ein gestreiftes Hemd, auf dessen Brusttasche und Rücken in roten Lettern der Name des deutschen Baumarktes OBI gestickt war. Der OBI-Man spielte sich auf und hielt uns auf. Wie einen GeStaPo-Ausweis zückte er eine Plastikkarte, die ihn als offiziellen Tourist-Information Man auswies. Der Streit des OBI-Mans mit den Studenten ging um uns. Er wollte uns in ein Hotel bringen (wofür er wahrscheinlich Provision kassiert hätte). Die Studenten wollten mit uns nach Hause. Er drohte ihnen, er würde die Polizei rufen, da sie ja sicherlich mit uns über Politik sprechen würden. (Diese Drohung mag lächerlich klingen, ist im Iran aber eine durchaus ernste und gefährliche Sache). Sie entgegneten, sie hätten keine Angst. Nach zähen Verhandlungen kam der OBI-Man mit uns mit und lud sich selbst ins Elternhaus der Studenten ein, mit der Begründung, als Tourist-Informator sei er verantwortlich für uns. Im Haus ging es dann zur Sache: Wir wurden ausgequetscht. Nicht nur die üblichen Fragen, sondern gleich die ganze Palette der eigentlichen Tabu-Themen: Politik, Religion, Fundamentalismus, Krieg. Aufgrund der Erfahrungen mit einigen Orientalen, hatte ich vor Reisebeginn mit Sebastian vereinbart, solche Gespräche möglichst zu vermeiden. We are Sportsmen, we don´t care about Politic. So, oder so ähnlich lassen sich unnötige Probleme umgehen, da man bei solchen Gesprächen eh selten einen Konsens erzielt, sondern nur zerstritten auseinander geht. Mit den Studenten hätte Ich mich sogar auf eine solche Diskussion eingelassen, aber nicht mit diesem Freak! Kurz und knapp beantwortete ich seine Fragen, die er stets mit den Worten: "Excuse me, I have one more Question" einleitete. Christian, der gerne mal zu etwas extremistischen Meinungen neigt, wurde kurzerhand mundtot gemacht (sorry Christian). Vielleicht ist der OBI-Man ja auch zu etwas nützlich, dachte ich mir und bat ihn, die in persischer Schrift verfasste Adresse meines Onkels in lateinische Letter zu übersetzen. Der OBI-Man starrte auf meinen Zettel und schaute mich erstaunt an. "Die Adresse ist in einem Militärgebiet in Teheran. Dein Onkel ist ein General?" " Ja." Murmelnd fing er an, mir die Adresse zu übersetzen. Im Nachhinein stellte Ich fest, dass der OBI-Man es ohne Übertreibung geschafft hatte, kein einziges Wort fehlerfrei zu übersetzen. Mit dieser Adresse wären wir vermutlich in Kabul gelandet. Der OBI-Man fing an, sich für unser Equipment zu interessieren, besonders für die Preise der jeweiligen Ausrüstungsteile. Er konnte nicht glauben, dass so eine schmutzige dünne Gore-Tex Jacke über 300 DM kosten kann. Schließlich erzählte er uns, dass ihm ein Freund aus Deutschland dieses OBI-Hemd geschickt hätte, er allerdings nicht wüsste, was OBI eigentlich heißt. Seine Bekannten mutmaßten, dass OBI ein deutscher Begriff für schwul sei. Obwohl es mich reizte, diese Vermutung zu bestätigen, klärte ich ihn über unseren deutschen Baumarkt auf. Dann fing es an lustig zu werden. "Wie teuer ist dieses Hemd denn in Deutschland ? So 50 Dollar ? Oder noch mehr?" Ich lächelte gequält. "Äh, nein, man kann ein solches Hemd nicht kaufen. Die Leute in Deutschland laufen nur selten mit einem OBI-Hemd auf der Straße." "Also ist ein solches Hemd etwas besonderes?" " Naja, in gewisser Weise schon." " Dann bin ich mit diesem Hemd ja richtig individuell!" Er streckte stolz die Brust raus und strich sich über den OBI Schriftzug. "Ja, du bist individuell!" Christian hielt es nicht mehr aus und fing schallend an zu lachen. Meine Beherrschung hatte ebenfalls ihren Tiefpunkt erreicht und so stieg ich in Christians Gelächter ein. Wir konnten nicht mehr und kugelten uns lachend über den Teppich. Während uns der OBI-Man mit seinen riesigen Fischaugen verdutzt anstarrte, versuchte Sebastian uns zu beruhigen. "Kriegt euch mal wieder ein, das halbe Haus schläft schon." OBI-Mans Lächerlichkeit ging nahtlos in seine Frechheit über. Er bat uns, angesichts der ja inzwischen geschlossenen Freundschaft, um den Tausch eines Geschenkes gegen einen Wertgegenstand seinerseits. An sich eine Bitte, die man ohne Verletzung der hiesigen Höflichkeitsregeln nicht ausschlagen konnte. Andererseits würde nur ein dummer oder sehr dreister Mensch einem Radreisenden, der penibel auf jedes Gramm zu achten hat, darum bitten, ihm etwas seiner Ausrüstung zu schenken. Bis auf einige kleine Glücksbringer, die ich nicht verschenken würde (Danke für den Engel, Sascha), haben wir nichts dabei, was wir nicht wirklich bräuchten. Sebastian grinste: "Er kann einen meiner KPMG-Kugelschreiber haben." (Sebastian hat einen ganzen Pack an KPMG-Schreibern dabei, da man in den armen Regionen oft von Kindern nach Stiften gefragt wird. Verschenkt hat er allerdings noch keinen, da ihm die Gören bisher alle zu frech waren). "Wie wäre es mit einem Messer?" Zur Verstärkung seines Vorschlages ließ der OBI-Man ein hässliches Klappmesser aufspringen. Dieses für eine Messerstecherei sicher nicht ungeeignete Gerät, hatte für den Outdoorbereich kaum einen Nutzen. Mein arschteures Multifunktionsmesser, zudem Geschenk meine Bruders, dagegen tauschen? Vergiss es Fischauge! Meine Gedanken höflich umformuliert, machte ich ihm klar, dass wir nichts zu tauschen hätten. OBI-Man wurde mürrisch, wir wurden müde. Die älteren Gastgeber hatten sich eh schon zurückgezogen und die Studenten hatten sowieso die Schnauze voll. Demonstrativ packte ich Isomatte und Schlafsack aus und legte mich auf den Teppich. Für heute hatte ich genug. OBI-Man erkannte, dass nichts mehr rauszuholen war. Als letzten Schnorrangriff fragte er nach einer Schachtel Zigaretten für den Nachhauseweg. Sebastian erkaufte unsere Nachtruhe für eine Schachtel mit drei Zigaretten. Ein gutes Geschäft.

Toby