Türkische Fürsorge

20.06.2002
 

Schon bei unseren Reisevorbereitungen in Berlin erzaehlte man uns von der grosszuegigen Gastfreundschaft der Tuerken. Umso gespannter waren wir also auf die bevorstehenden Wochen als wir Ende Mai aus Istanbul herausradelten. Wir entschieden uns, das fuer uns noch voellig unbekannte Land ueber die Schwarzmeerkueste zu erkunden.
Trotz Fussballweltmeisterschaft (jedes Spiel der Deutschen und Tuerkischen Nationalmannschaft musste natuerlich live verfolgt werden) und unzaehligen Cay-Einladungen kommen wir zuegig voran. Die tuerkische Fuersorge ist schon beachtlich, selten hat man mal Zeit fuer sich ganz allein. Jeder, ob jung oder alt, will wissen woher wir kommen, wer wir sind und wohin wir wollen. Doch selbst die staendigen Fragen "What is your name" oder "Where are you from", die uns manchmal bei einem anstrengenden Reisetag auf schlechtem Asphalt, Gegenwind und vielen hupenden Trucks an den Rande des Wahnsinns getrieben haben, sind im Grunde genommen noch harmlos gegen die zwei Ereignisse, die ich im folgenden naeher beschreiben will.

Dieser Morgen beginnt traumhaft. Die Sonne scheint, die Luft ist frisch, ich krieche aus meinem Zelt, um mich herum eine herrliche Landschaft. Am Vorabend haben wir uns diesen schoenen Fleck zum Zelten ausgesucht, umringt von Bergen mit Blick auf das Schwarze Meer. Wie jeden Morgen steht das gleiche Prozedere auf unserem Stundenplan.
Neben Zeltabbauen, Fruehstuecken, Schlafsack und Isomatte einrollen, steht auch das morgendliche "Geschaeft" auf dem Programm. Toilettenpapier gibt es schon lange nicht mehr, also mache ich mich auf den Weg (mit einer Flasche Wasser unter dem Arm), geeignet grosse Blaetter zu sammeln. Der Toilettenpapierersatz ist schnell gefunden und befreit von Blattlaeusen fehlt nur ein ruhiges, schattiges Oertchen. Unter einem Baeumchen mit ausreichend Uebersicht auf die Umgebung und genuegend Sicherheitsabstand zu unserem Zelt, bereite ich liebevoll diese taeglich notwendige Sitzung vor. Auch heute erweist sich die hockende Sitzhaltung als aeusserst unangenehm, aber vielleicht liegt es ja an den 120 Radkilometern vom Vortag. Naja, wat mut dat mut.
Die ersten Schweissperlen stehen mir auf der Stirn. Krampfhaft versuche ich die Balance zu halten, immer mit Blick nach rechts und links mein Territorium ueberwachend.
Ploetzlich vernehme ich einen lauten, schrillen Schrei. Ich denke mir nichts boeses und setze die Sitzung fort. Sekunden spaeter steht ein Bauer neben mir. Er starrt mich an wie ein Ausserirdischer und beginnt ohne Punkt und Komma in tuerkisch auf mich einzureden. "Man stecke ich jetzt tief in der Sch…", denke ich mir und zucke jedesmal auf seine Fragen mit den Schultern (wohlbemerkt immer noch in der Hocke befindend).
Waehrend nun der Bauer mit verschraenkten Armen auf dem Ruecken mehrmals kopfschuettelnd und schimpfend um mich herumlaeuft, rueckt weitere Verstaerkung an. Frau Gattin (der schrille Schrei) mitsamt Esel im Schlepptau betreten den Schauplatz. Immer noch nicht gewillt meine Sitzung zu beenden, blicke ich nun dem Bauer, seiner Frau und einem Esel entgegen. Wobei letzterer sich nicht sonderlich fuer mein Werk zu interessieren scheint. Mit meinen Bruchstuecken an tuerkisch versuche ich nun den Anwesenden zu erklaeren, dass wir letzte Nacht hier gezeltet haben und so frueh wie moeglich weiterwollen. Ich schaffe es letztendlich ihre Aufmerksamkeit von mir abzuwenden und sie zu Tobi zu bewegen. Ergebnis des 10-Minuten-Monolges des Bauern (ich in der Hocke) ist ein Krampf im rechten Oberschenkel, der mich wenig spaeter, zurueck auf der Strasse, noch ein paar Kilometer begleitet.

Die Neugierde der Tuerken ist grenzenlos, wie auch eine Woche spaeter deutlich spuerbar. Wann immer wir in einer kleinen Stadt halt machen, um fuer Proviant zu sorgen, bilden sich grosse Menschentrauben um uns herum. Der Gluecklichere von uns beiden ist meist der, der den Einkauf erledigt. Der andere steht draussen, die Fahrraeder bewachend. Von Ruhe und Entspannung kann in diesem Moment keine Rede sein. Diplomatisch beantworten wir dann immer dieselben Fragen. Doch je weiter wir den Osten der Turkei erreichen, desto schlechter werden schliesslich auch die Standard-Englisch-Fragen. Aus dem allseits bekannten "What is your name?" wird auf einmal "What is my name?" oder einfach nur "What is this?"
Ja, "What is this?", denke ich mir, als ich in der besagten Woche nach einem anstrengenden Radfahrtag vor dem Supermarkt wartend ploetzlich Nasenbluten bekomme. Tobi steht schon an der Kasse und ich gebe ihm ein Zeichen, dass ich aufgrund meines Nasenblutens kurz aus dem Ort herausfahren moechte, um mich kurz hinzulegen. Gesagt getan, schaukele ich einhaendig mein Fahrrad an den Stadtrand. Doch auch hier laesst mich die tuerkische Gastfreundschaft nicht im Stich. Im nu bin ich erneut umzingelt von immer mehr werdenden, neugierigen Einheimischen. "How are you?", ertoent es aus der Gruppe, die mich alle mit grossen Augen anglotzen. Wie geht es mir schon… beschissen. Ich will nur meine Ruhe. Die Nase blutet immer noch. Mir werden Tee und Zigaretten angeboten. Auch hier kristallisieren sich die immer wiederkehrenden Verhaltensmuster heraus. Die Kinder vermehren sich wie die Karnickel und bombadieren mich staendig mit denselben Fragen, obwohl schon laengst klar sein muesste, dass ich nunmal aus Deutschland komme. Werden die Kinder zu neugierig (sie beginnen an Tacho und Schaltung herumzufummeln) schreitet meisst ein Aelterer in das Geschehen ein und scheucht die Baelger weg. Doch das verschlimmert die Sache meist nur. Nun beginnt der besagte Schlichter mir erneut die ein und dieselben Fragen zu stellen. "Oh schoen, Dein Bruder wohnt in Berlin Kreuzberg", "Wie interessant, Du hast 10 Jahre in Frankfurt gearbeitet". Zum Glueck erkennt er schnell, dass ich, immer noch versuchend mein Nasenbluten in den Griff zu bekommen, im Moment nicht besonders gespraechig bin. Und das Spiel beginnt von vorne. Der Schlichter verabschiedet sich, die Kids ruecken erneut an bis ein neuer Schlichter in den Ring steigt und mir lang und breit von seinem Aufenthalt in Deutschland erzaehlt. Ein Teufelskreis, der Gott sei Dank nach einiger Zeit sein Ende findet.
Eine Stunde spaeter ist saemtlicher Stress vergessen. Tobi und ich sitzen fernab der Zivilisation in den Bergen Ost-Anatoliens vor unserem Zelt und bruzeln unser verdientes Abendessen. Tobi hat gekocht, es schmeckt ausserordentlich gut, genau die Fuersorge, die ich jetzt brauche.

Doch bei allem Stress auf unseren 2000 km durch die Tuerkei, den wilden Hunden, den ruecksichtslosen Truckfahrern und der ein oder anderen Nervensaege moechte ich diese drei Wochen nicht missen. Unvergessliche, einsame Naechte an den Straenden des Schwarzen Meers, das saftige Gruen der Berge, die traumhaften Sonnenuntergaenge und nicht zuletzt die vielen Einladungen der Tuerken, vom Cay ueber ein Essen bis zur Uebernachtung, machten diese Zeit zu einem ganz besonderen Erlebnis.

Sebastian

 

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