Der wahre Luxus

28.12.2002
 

Kathmandu, Nepal. Seit Jahren übt diese Stadt etwas Magisches auf mich aus. Wann immer in den Medien die Rede von diesem Königreich war, spitzte ich die Ohren. Geprägt durch Indiana Jones und vielen Mount Everest Besteigungen sollte die Metropole eines unserer Hauptziele werden.
10 km vor dem Kathmandu Valley ist allerdings noch nichts von der Anziehungskraft zu spüren. Mit langsamen 7 Km/h schleppe ich mich bergauf. Stolz bestaune ich das erste Mal unseren 5-stelligen Kilometerstand. Ja, das gibt neue Motivation und Kraft, die bei dem Verkehr auch dringend notwendig ist. Die ganze Welt scheint ausgerechnet heute nach Kathmandu zu wollen. Pausenlos werden wir von dumm grinsenden und hupenden Truck- bzw. Busfahrern überholt. Wie schön war doch damals der Donau-Radwanderweg, denke ich mir. In einer Kehre will einer dieser Dieselmonster an mir vorbei. Seitenabstand scheint hier ein Fremdwort zu sein. Ich weiche zur linken Straßenseite aus (Linksverkehr !), verhake mich mit der Vorderradtasche an einem herunterhängenden Ast, verliere die Balance, komme (wie so oft) nicht rechtzeitig aus meinen Fahrrad-Klick-Pedalen und liege sekundenbruchteile später auf der Straße. Scheiße!
Als wir eine gute Stunde später die Hauptstadt völlig verschwitzt erreichen, binde ich mir ein Halstuch um Mund und Nase. Staub, Dreck, Lärm und Abgase, so habe ich mir das zweite Etappenziel nicht vorgestellt; ebenso wenig allerdings auch unsere bevorstehende Unterkunft. Über einen Kontakt aus Dehli haben wir in Nepal eine gezielte Anlaufadresse. Die Gastfreundschaft eines gewissen Mr. Edwards, die wir in den nächsten Tagen erfahren, übertrifft bei weitem unsere Erwartungen; man könnte schon fast von einer Art Kulturschock sprechen. Zwei frisch bezogene Betten, warmes Wasser, Kabelfernsehen, ein Kühlschrank gefüllt mit Bier, selbst ein Koch und ein Chauffeur stehen uns zur Verfügung. Nach über 10000 km im Sattel bleiben die Räder nun erst einmal stehen. Mr. Edwards, ein großer Name in der Tourismusbranche, stellt uns eine luxuriöse Unterkunft zur Verfügung, wir revanchieren uns dafür bei ihm und seinen zahlenden Gästen mit der ein oder anderen Geschichte unseres 6-monatigen Radabenteuers.
In Indien und Nepal erleben wir die stärksten Unterschied zwischen arm und reich.. Beide Extreme haben wir lieben und hassen gelernt. Steine werfende Jugendliche sind ebenso unangenehm wie bettelnde Kinder, die sich häufig an unseren Radtaschen festzuklammern versuchten. Dies sind Momente, in denen man am liebsten laut schreien möchte, und manchmal habe ich das auch getan.
Andererseits gibt es fast nichts langweiligeres, als bei Kerzenlicht und Silberbesteck mit wohlhabenden Englischen Touristen auf die ständig gleichen Fragen zu antworten. "Oh, how was Pakistan?"oder "Don't you get sick of cycling?" Wenig inspirierend dieser "Small Talk."
Den einen Abend verbringen wir frisch rasiert - nach Tobis Helmut Lang Parfümproben duftend - mit Kathmandus Highsociety im Nightclub des Grand Hyatt und bewegen uns zu US-Amerikanischer Soulmusik. Tage später sitzen wir mit tibetischen Flüchtlingen gemeinsam in einer Holzhütte und wärmen uns mit einem Buttertee auf.
Mal genießen wir den Luxus, mal das einfache Leben der armen Bevölkerung, mal beides und manchmal keines von beiden. Doch ein aufgewecktes Lächeln eines kleinen, wilden Nepal-Kindes hat für mich mehr Aussagekraft als ein oberflächliches Gespräch mit einem Amerikanischen Rucksacktouristen. "Cooooooool, you guys must be crazy".
Letzteren sind wir auf unserem Weg durch Indien und Nepal häufiger begegnet. Nicht das jedes Gespräch mit einem westlichen Globetrotter ohne Inhalt gewesen wäre, aber unsere Art des Reisens ist nun mal eine völlig andere als die eines Around-The-World-Ticket-Besitzers.
An manchen Tagen beim "Meditieren" auf dem Fahrrad frage ich mich, welche Art des Reisens denn eigentlich die intensivere ist. "Nein, wir haben nicht das Tadsch Mahal besichtigt, auch nicht das White-Water-Rafting und Bungy-Jumping in Nepal ausprobiert". Viele Traveller reagieren darauf etwas verdutzt, als wenn sie sagen wollten:" Ja, dann habt ihr ja noch nicht viel gesehen, bzw. erlebt". Das ist allerdings Ansichtssache. Der Eintritt für das Indische Weltwunder entspricht unserem Monatsbudget, und den Nervenkitzel holen wir uns kostenlos beim Radfahren auf Indischen Strassen.
Für die Rückkehr aus dem indischen Himalaja wählen wir nicht die bequemere Luxus-Jeep-Tour, sondern machen unseren an sich größten Straßenfeind zum Freund und trampen die Strecke von Leh nach Manali mit einem Truck. Die darauf folgenden 30 Stunden in der völlig überfüllten Fahrerkabine sind dann aber auch wirklich ein Erlebnis. Aufgrund unserer Sitzposition und der herrschenden Außentemperatur, welche eingeschlafene und unterkühlte Gliedmaßen mit sich bringen und durch die Non-Stop-Punjabi-Musik (traditionelle Indische Folklore, bei der sich - so scheint es- ein mit tiefer Stimme singender Vater im ständigen Wechsel mit seinem Eunuchensohn streitet) wird unsere Psyche bis an die Grenze der Belastbarkeit getrieben. Der Versuch, die musikalische Untermalung mit einer in unserem Handgepäck befindlichen Michael Jackson Dance Classics Kassette aufzubessern schlägt fehl. "Beat It", "Thriller" und "Billie Jean" finden keinerlei Anklang bei unseren indischen Reisepartnern. Mittendrin statt nur dabei. Manchmal ist unsere Art des Reisens, wie in diesem Falle, dann doch etwas zu intensiv. Wie gerne hätte ich in diesem Moment die holprigen Passstrassen in einem komfortablen Privat-Jeep zurückgelegt.
Unterwegs auf Rädern sind wir immer ganz nah dran an Natur und Mensch. Manchmal mehr als uns lieb ist, manchmal aber auch genau richtig.
Auf dem Weg durch das - momentan aufgrund von Maoistengefechten - recht unsichere West-Nepal sammeln wir Erfahrungen, die man nicht so einfach in einem Reisebüro buchen kann. Keine Radfahrstunde von jenem Bergdorf entfernt, in dem sich knappe drei Wochen zuvor ein schlimmes Massaker ereignete, machen wir gegen Dämmerung Rast an einer kleinen Dhaba (vergleichbar mit einer Berliner Currywurstbude). Die Einwohner bestaunen uns bunte Vögel mit großen Augen. Ein fröhliches, aufgeschlossenes Volk, weitaus angenehmer als die Nachbarn aus Indien. Zum Schlafen wird uns eine Scheune angeboten, dort bereiten wir unser Nachtlager vor und waschen uns am Dorfbrunnen, bevor wir auf ein letztes Bier unserem Gastgeber und seiner Familie Gesellschaft leisten. Die Verständigung mit Händen und Füßen, die wir in den letzten Monaten so oft praktizierten, läuft hervorragend. Wir sollen ein Lied singen, ein deutsches, doch mehr als den "Eisgekühlten Bommerlunder" von den Toten Hosen bekommen wir nicht hin. Im Gegenzug werden uns folkloristische Tanz - und Gesangseinlagen geboten. Ganz ohne Filter. Trotz interner politischer Konflikte finden wir hier ein fröhliches Volk. Wir fühlen uns wohl.
Manche Traveller staunen über unsere Art des Reisens, manche schütteln den Kopf und meinen, wir wollen sie auf den Arm nehmen, und für andere ist es einfach unvorstellbar, was man denn so 8 Stunden am Tag im Sattel macht.?? Letzteres ist vielleicht auch eine berechtigte Frage.
An manchen (wenigen) Tagen stimmt einfach alles. Das Wetter, der Wind, die Straßenqualität, der Verkehr, die Landschaft und natürlich die eigene Gesundheit. Leider kommen die Tage äußerst selten vor. Meistens wechseln sich die oben genannten Kriterien zu unserem Nachteil in immer neuer Konstellation ab. Radfahreralltag eben.
Eine besonders wirksame Methode gegen die erwähnten Feinde ist das "Meditieren". Die Straße ist endlos lang, die Beine bewegen sich automatisch, die Gedanken haben sozusagen freien Lauf. Ja, man hat viel Zeit zum Nachdenken. Man denkt an seine Heimat, seine Familie, seine Freunde, an frisches Schwarzbrot mit Zwiebelmett, an Motorradfahren, Fußball- und Gitarrespielen. An alles, was man vermisst. Und da man so viel Zeit zum Nachdenken hat, macht man sich natürlich auch über die weniger angenehmen Dinge im Leben Gedanken. Uni, Reiseschuldentilgung??? oder die immer wiederkehrende Frage, was man denn nach dem Studium eigentlich machen möchte. Wenn es mal nichts zu denken gibt und einen die Landschaft nicht allzu sehr inspiriert gibt es immer noch die Möglichkeit, ein paar Lieder zu trällern und sich daran zu erfreuen. Alarmierend hierbei ist allerdings unsere Musikauswahl auf den letzten Kilometern durch Indien. Während ich auf überfüllten Truckerhighways Songs wie Oops, I did it again und "Wow, we're going to Ibiza" bevorzugte, übertrumpft Tobi meinen Stumpfsinn mit dem allseits bekannten Sesamstraßenknaller "Ich mag Müll". In diesem Moment wird mir klar, es ist höchste Zeit für einen Tapetenwechsel. Auf nach Thailand.
Auch ohne die großen Sehenswürdigkeiten dieser Welt fotografiert zu haben (davon mal abgesehen, dass uns die Kamera des Öfteren einen Strich durch die Rechnung machte) möchte ich sowohl die positiven als auch negativen Erlebnisse der letzten zwei Monate nicht missen. Intensiv war die Zeit allemal.
Am schönsten allerdings - auf den letzten 2500 km - waren für mich Momente der Ruhe und Einsamkeit; ein unbezahlbarer Luxus, der allerdings in vielen Teilen Indiens nur sehr schwer zu finden ist.

 

Sebastian

 

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