Was kostet Blasen?

01.07.2002
 

Die Stadt, durch den wir an diesem Sonntag rollten, hiess Nyc und war der letzte große Ort vor der bulgarischen Grenze. Wir schlängelten uns durch den Stadtverkehr, als von hinten eine Gruppe Motorradfahrer anrückte. Man musterte uns neugierig und grüsste durch Zunicken. Schon der erste Blick machte deutlich, dass es sich bei diesen Jungs nicht um harmlose Durchschnittsbiker handelte. Lange Haare, Bärte, Tätowierungen, überwiegend sehr stämmig und mit verwildertem Aussehen. Vom sonntäglichen Gottesdienst schienen sie zumindest nicht gerade zu kommen. Das Interessanteste an den Brüdern waren jedoch die Lederwesten, auf denen hinten in roten Lettern "Easyriders M.C. Serbia" aufgenäht war. Der identische Schriftzug und das gesamte Erscheinungsbild ließen wenig Zweifel; diese Typen waren die serbische Version der Hell's Angels!
Bereits an der nächsten Ampel wurden wir gefragt ob wir Lust hätten ein Bier mit ihnen zu trinken. Natürlich willigten wir ein. (Anm. v. Darius: NATÜRLICH!!!!!) Die Jung gaben ein recht brachiales Bild auf ihren Maschinen ab: Ohne Helm, nur mit Sonnenbrillen auf Motorrädern, die bei jedem deutschen TÜV-Prüfer entsetztes Schreien ausgelöst hätten. Einem der Biker fehlte ein Bein und so saß er auf dem Rücksitz seines Kumpels, hielt mit einer Hand seine Krücken, mit der Anderen sich selbst an der Maschine fest. Später erzählte er uns, dass er das Bein als Soldat bei einem kroatischen Granatenangriff verloren hätte. Sein Kumpel lachte und meinte, das stimme zwar, doch sei er selbst schuld, da er ziemlich besoffen gewesen sei.
Die Rocker erwiesen sich als sehr gastfreundlich. Nach dem ersten Bier stand sofort der zweite halbe Liter auf dem Tisch, zusätzlich gab es eine Art Fish and Chips. Ich musste aufpassen, nicht in Bikerlaune zu verfallen, schließlich hatten wir noch 70 km vor uns. Die Unterhaltung war lustig und interessant. Einer der Biker hatte wohl schon mal auf einer deutschen Baustelle gearbeitet und konnte aus dieser Zeit noch exakt drei deutsche Sätze: "Du bist hübsch!", "Was kostet Blasen?", "Was kostet ganze Nacht?".
Auf meine Frage ob es denn eine direkte Verbindung zwischen den Hell's Angels und ihnen gäbe, antwortete der Boss der Gruppe mit diplomatischer Zurückhaltung; die Angels seien in Amerika, hier regierten sie. Das Gespräch war schneller zu Ende, als wir es uns gewünscht hätten. Die Jungs organisierten ein in zwei Wochen stattfindendes serbisches Bikerfestival und hatten daher noch viel zu tun. Sie gaben uns eine Visitenkarte mit der Adresse eines bulgarischen Rockerclubs in Sofia, die uns kostenlos aufnehmen würden, wenn wir erzählten, dass wir ihre Freunde seien. Per Handy wurden wir für übermorgen vorangekündigt.
Wir verabschiedeten uns mit einer herzlichen Umarmung und radelten angeheitert von Gastfreundschaft und Bier gen Grenze.

Zwei Tage später erreichten wir Sofia. Die Visitenkarte führte uns zu einer Bikerkneipe im Zentrum der Stadt. Die finsteren Mienen der Rocker auf den Bierbänken vorm Eingang hellten sich auf, als wir uns vorstellten und unser "Empfehlungsschreiben" präsentierten. Für uns war gesorgt. Es wurde Bier und eine Art Anisschnaps aufgetischt und schon war unser Abend gerettet (Wir mussten verhandeln um wenigstens eine Runde Bier bezahlen zu dürfen). Einer der Biker entschied, uns in seinem Haus aufzunehmen.
Konstantin hieß der ca. 30 Jahre alte Bulgare. Er fuhr eine 50er Jahre Ural die er, so erzählte er uns, vom Alteisenhändler per Kilopreis zum Gesamtpreis von umgerechnet 30 DM erstanden hatte und sie dann selbst restaurierte. Das Ding wäre in Deutschland sicher einige Tausend wert. Wir folgten seinem knatternden Ofen auf den Fahrrädern durch Sofias Innenstadt zu seinem Haus.
Verwundert drehten sich die Passanten nach unserer seltsamen Dreierkombination um. Konstantin im alten Ledermantel, mit Fliegerbrille und Sturmhaube sah aus, als wäre er einem alten Kriegsfilm entsprungen. Dahinter wir in bunten Radtrikots und bepackten Rädern.
Das Haus erinnerte mich an die Villa Kunterbunt von Pipi Langstrumpf. Ein herrlich verwilderter Garten, in dessen Mitte ein mit Efeu bewachsenes altes Haus stand. Wir ließen uns im Wohnzimmer nieder, Konstantin packte Wodka, etwas Essen und alte Motorradzeitschriften aus. Der Plattenspieler leierte alte Marianne Rosenberg-Gesänge runter und wir leerten die Flasche Wodka. Benommen kroch Ich in meinen Schlafsack, gedanklich bei meiner eigenen Maschine, die in Berlin einen verlängerten Winterschlaf vollzieht. Bis wir von den Fahrrädern wieder auf unsere Motorräder umsteigen, wird wohl noch einige Zeit vergehen...

Toby

 

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