Zwei Nasen tanken Super

20.11.2002
 

Zwei Enfields knattern über die Schotterpisten des Nordhimalaya. Eine der Maschinen verliert an Geschwindigkeit und bleibt stotternd am Straßenrand stehen.

S: Was'n los?
T: Keine Ahnung, is irgendwie ausgegangen. Ich versuch mal neu anzukicken.
Kickversuche
T: (Murmeln) Die Elektrik ist komplett tot. Geht weder Hupe noch Licht
Fummeln an Batterie und Kabeln
T: So, wo is hier vorn und hinten?
S: Sind deine Schuhe auch so nass?
T: So mittel. Ich sag nicht Ja, ich sag nicht Nein

(Weiteres Fummeln) Alles porös und vergammelt, Der ganze Kabelbaum bröckelt auseinander.
Startversuche

S: Die Dinger sind der letzte Schrott.
T: Der Kontakt steht wieder. Ich kick mal…. (kurzes knattern).
Plötzlich schlagen Funken von der Batterie hoch. Qualm steigt auf.
S: Ach du Scheiße
Toby zieht den Schlüssel aus der Zündung. Der Qualm wird dichter. Flammen schlagen unter der Sitzbank hervor.
S: (hektisch) Schlag die Flammen aus!
T: Womit denn? Mit meiner Gore Tex Jacke?
S: Wir müssen den Kontakt unterbrechen.
Die Flammen lassen sich durch Pusten und Sand löschen. Ein Auto hält. Ein indischer Schnauzbart steigt aus.
I: Hello, my friend. Can I Help you?
T: No, thank you, Mister. Everything's allright.
I: What happened?
T: The cables burned.
I: I can give you a new one.
Der Inder verschwindet und kommt mit einem dicken Stromkabel zurück.
T: Oh, thank you very much, Mister.
I: No Problem. See you on the road.
Toby wartet bis der Inder verschwindet und schmeißt dann das Kabel weg.
T: Ich versuch mal die Kabelreste zu flicken und mit Tapeband zu isolieren.
S: Hier, mit meinen Leatherman kannst du die Kabel noch mal sauber abisolieren.
Halbstündiges Geflicke
T: So, der Ofen läuft wieder. Mal gucken, wie weit wir kommen.
Weiterfahren. Nach kurzer Zeit…
S: Und? Alles tutti?
T: So mittel, ich sag nicht Ja, ich sag nicht Nein. Der erste Gang geht nicht mehr rein.
Die Beiden gelangen an einen Fluss. Sebastian fährt vorsichtig im Ersten hindurch. Toby gibt im Zweiten Gas. Es gibt eine Fontäne, die Maschine samt Fahrer liegt im Wasser.
T: (undefiniertes Fluchen)
S: Bademeister zur Stelle. Soll ich Dir helfen?
T: Mir ist nicht mehr zu helfen.
Erneutes Ankicken. Motoraufheulen. Die Fuhre bewegt sich langsam mit durchdrehendem Hinterrad durch das Wasser. Es geht weiter über eine steinige, unasphaltierte Strecke.
T: Sag mal, gehen eigentlich deine Bremsen?
S: Vorne nicht. Hinten bremse ich eh nur mit dem Motor/
T: Bin gespannt, wie lange wir für diese 240 km lange Strecke brauchen…

Zwei Tage, zwei Kabelbaumbrände und ca. 30 (!) durchquerte Flüsse später erreichen die Beiden gegen Abend die Stadt Kaza in Spiti Valley. Ein kleines Städtchen im Herzen des Indischen Himalayas, Hochburg Tibetanischer Kultur.
T: Sach ma, in dem Kaff hier is ja weniger los als in unseren Email-Accounts. Ich dachte, dass wär hier so'n Touriwanderort mit Internetcafes und Kneipen. Die ham hier ja nich einmal Strom!
S: Ich kauf mal Zigaretten.
Toby und Sebastian halten an einer Bretterbude
S: Hello Mister. Jule! ("schüle" ausgesprochen, heisst soviel wie hallo, danke, bitte, auf wiedersehen)
Äh, one pack of Four Square Cigarettes and one lighter, please. Do you also have lighters with naked girls on it?
Verkäufer kichert und zuckt mit den Schultern
S: No?
V: (immer noch kichernd) No.
S: (resigniert) No.
T: Can you give us any recommendation about the best nightclubs in town?
Verkäufer schaut hilflos.
T: You know, with nice girls, cheap drinks and resident House DJs from Ibiza?
V: What???
T: (zu Sebastian) Meinst du, wir haben uns undeutlich ausgedrückt?
Verkäufer schüttelt immer noch verständnislos den Kopf
T: Hm, las uns hier abhaun und eine Unterkunft suchen.
Die Beiden knattern zu einem Guesthouse
S: Keiner hier an der Rezeption.
T: Da hängen die Schlüssel, lass uns einfach nen Raum aufschließen und rein. Mir ist saukalt.
Erneuter Stromausfall
S: Hier ist es ja finsterer als in einem türkischen Bergtunnel bei Nacht. Hast du deine Maglight?
T: Geht irgendwie nicht mehr. Feuer?
Strom kehrt zurück, ebenso der Hotelbesitzer. Die Formalitäten sind schnell erledigt. Toby und Sebastian liegen wenig später nach einer Kaltwasserdusche erschöpft in ihren Betten.
S: Sind dein Füße auch so kalt?
T: Ich sag nicht Ja, ich sag nicht Nein. Schlaf gut!

Am nächsten Morgen gehen die Beiden getrennte Wege. Tobi verbringt den halben Tag damit sämtliche Schrauben an seiner Enfield festzuziehen, um sie für den anstehenden Rückweg über die 4000er Pässe vorzubereiten. Sebastian zieht es mit seinem Hobel ins Umland. Gegend Abend treffen sich die Motorradfahrer bzw. -schrauber wieder aufeinander.

S: Und? Ist die Kiste startklar für den morgigen Rückweg?
T: Naja, der Erste geht halt nicht. Ich hab die Lichtkabel gegen die verbrannten Zündungskabel ausgetauscht. Bremsen tut Sie auch nicht so gerne…
S: Ich bremse auch mehr mit den Füssen als mit den Bremstrommeln, hat aber trotzdem heute tierisch Spaß gemacht. Kennst du den Film "Harley Davidson and the Marlboro Man"?
T: Ja.
S: Die letzte Szene mit Mickey Rourke auf seiner Harley und der Brünette, die er per Anhalter auf seinem Ofen mitnimmt.
T: Sie war brünett. Warum? Ist dir heute ähnliches passiert?
S: Schön wärs, die Brunette hatte allerdings eine Glatze, war etwa 90 Kg schwer und trug eine rot-orange-farbene Tracht.
T: Ein Mönch?
S: Ein Mönch am Strassenrand. Ich hab ihn die letzten 10 Kilometer bergauf zu seiner Gompa (Tempel) mitgenommen. Der hat die ganze Zeit nur gegrinst und sich jedes mal auf die falsche Seite gelegt, wenn es in die Kurven ging…

Der Abend verläuft ähnlich spannend wie der vorherige. Es beginnt zu regnen. So auch am nächsten Morgen. Optimale Voraussetzung also für den Rückweg.

S: So, raus aus den Federn. Der Himmel scheint zwar gerade herunter zu kommen, aber wir sind ja schliesslich nicht aus Zucker.
T: (verschlafen) Na geil.
S: Wird schon schief gehen. Lass uns frühstücken und dann los.
Gesagt, getan. Eine gute Stunde später sitzen die Beiden auf ihren bepackten Enfields.
T: (nach dem 10. Kickversuch) Du Scheißding, spring an!
Ein lautes Grollen, der Motor läuft. Sebastian hingegen kniet mit Werkzeug und Isolierband vor seinem Einzylinder.
T: Was'n los? Kein Saft?
S: Bin mir nicht sicher. Baut keine Spannung auf. Entweder die Batterie ist hinüber, oder einer der Kontakte hat sich losvibriert.
Im strömenden Regen stehen nun die beiden Enfieldexperten, überprüfen sämtliche Kabel und bekommen die Kisten schliesslich zum laufen.
S: So, noch schnell tanken und dann kann es endlich losgehen. Scheisswetter!
T: Ich will mir noch ein paar Tüten über die Hände und Füße ziehen. Kann ich dir übrigens auch nur empfehlen. Auf den Pässen soll es schneien.

Die ersten 50 Kilometer ziehen sich hin. Die Jungs halten alle halbe Stunde an und machen Skigymnastik um sich aufzuwärmen. Das erste Etappenziel der Rückfahrt ist am frühen Nachmittag erreicht. Schuhe, Jacken, Socken werden am Kamin getrocknet. Danach liegen die Beiden zitternd in ihren Schlafsäcken und träumen von den Hot Springs die sie am nächsten Tag erwarten.

Am nächsten Morgen…
S: (immer noch zitternd) Heute stecke ich mir aber überall Zeitungspapier unter die Jacke. Hat mein Opa früher auf seiner Opel (ja, so ein Motorrad gab es früher wirklich) auch so gemacht.
T: Damals gab's auch kein Gore Tex. Leder das wars. Meine Jacke ist übrigens der letzte Mist. Immer noch nass, und trocken hält sie auch nicht mehr. Was würde dein Vater eigentlich zu dieser ganzen Aktion sagen, die wir hier gerade durchziehen?
S: Oh Gott!!! Ich denke lieber nicht dran.

Es geht los. Eiskalter Nieselregen zwingt die Beiden alle 20 Minuten zum Anhalten und zu Ski-Aufwärmübungen. Nach satten 50 (!) Kilometern erreichen sie steif gefroren ein kleines Dorf mit Unterkunft.

T: Die letzte halbe Stunde musste ich an die amputierten Zehen von Reinholdt Messner denken.
S: Ich hatte schon überlegt mit meinem Mund die Kupplung zu ziehen. Meine linke Hand habe ich kaum noch gespürt.
T: Lass uns bloß in die Schlafsäcke und uns warme Gedanken machen…
Nach einer Stunde Aufwärmübungen im Schlafsack finden die Beiden sich an einem Holzofen in der gegenüberliegenden Berghütte ein.
S: Mmm, Tibetanische Küche. Genau das Richtige jetzt. Willst Du auch nen Cay?
T: Ich sag' nicht Nein ich sag' Ja! Mindestens fünf!
Während die Jungs die einheimischen Spezialitäten hinunterschlingen, hängen die nassen Socken, Schuhe und Hosen über dem Kamin zum trocknen. Mit holzfeuergewärmten Händen und Füssen geht es in der Dunkelheit zurück in die Schlafsäcke.
Am nächsten Morgen.
S: (singend) My heart goes shalalalala, shalala in the morning…
T: Heute geht es über zwei Pässe. Auf dem ersten können wir oben unsere Skier auspacken, vom zweiten geht es dann non stop runter bis in die Hot Springs von Manali (Vashisht).
S: Hot Springs, und danach ein kühles Blondes. Das haben wir uns dann auch verdient.
Auf die Wetterprognose der Einheimischen ist Verlass. Die Motorräder nähern sich der ersten Passspitze in über 4000m Höhe.
Schnee bedeckt die Hänge und Passstrassen. Mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten kämpfen sich die Jungs durch den Schnee um am Ende des ersten Passes wieder zusammenzutreffen.
T: Hab' mich im Schnee zweimal hingelegt. In jeder Kurve hatte ich den Fuss aufm Boden.
S: Das war wie auf Schmierseife. Hab' mich auch hingelegt, dafür aber weich gefallen.
T: Ist die Lawine vor oder hinter dir runtergekommen?
S: Die habe ich Gott sei Dank hinter mir gelassen. Was aber trotzdem ein beängstigendes Gefühl das Geröll von der Bergseite aus auf sich zukommen zu sehen.
T: Ich musste warten. Ich stand bibbernd am Hang, während vor mir die Schneeraupe den Weg frei baggerte.
S: Naja, wenigstens habe ich mit dieses Mal keine Kälteverbrennungen an den Händen geholt.
T: Das Zeitungspapier unter der Jacke funktioniert gut. Is ja auch ne Hindustan Times. (liest vor)
Germany beats United States in ¼ Finals. Wo warn wir'n da? In der Türkei?
S: Nee, im Iran
T: Ach ja, die alte Schwarzweisskiste beim Gemüsehändler irgendwo im Nichts. War dass da heiß.
S: Komm' auf geht's. Nur noch übern Rhotang (letzter Pass vor Manali, 3980m) und dann hat das Drama ein Ende.
T: Wenn die Flüsse diesmal noch höher stehen, brauchen unsere Enfields Schwimmflügel…
Stunden später wird die Weiterfahrt erneut durch einen vorhergegangenen Erdrutsch behindert. Ein gutes Dutzend wartender Jeeps und Trucks stehen am Hang. Die Insassen sehen müde aus.
S: Was'n hier los, hat hier ne neue McDonalds-Filiale eröffnet?
T: Ich frag' mal…
S: Wie sieht's aus?
T: Richtig dicke Felsbrocken auf der Strasse. Alles dicht. Das kommen wir auch mit den Öfen nicht durch. Die Leute sitzen hier schon seit 40 Stunden. Die wollen jetzt sprengen.
Gesprengt wird nicht. Nach einer Stunde räumt eine Baggerraupe die Strasse. Es geht weiter den zweiten Pass hinauf. Hinter einer Kehre wird die Strasse durch einen tiefen Fluss aus eiskaltem Gletscherwasser durchtrennt.
T: Auch das noch…
Er gibt Gas. Die Enfield taucht ins Wasser ein und versinkt samt Fahrer bis zu den Oberschenkeln im Fluss bis sie schließlich stotternd absäuft.
T:(seuftzen und stöhnen)
S: Ich dachte wir wollten erst in den Hot Springs ein Bad nehmen.
Sebastian folgt ins Eiswasser. Gemeinsam schieben sie das Motorrad an andere Flussufer.
Die restliche Rückfahrt erfolgt abgesehen von steif gefrorenen Beinpartien relativ problemlos.
Manali (Vashisht) ist erreicht und bis zu den ersehnten Hot Springs sind es nur noch wenige Meter.
Beide Enfields, die in den letzten Tagen einen mehr oder weniger treuen Dienst geleistet haben, stehen völlig verdreckt am Straßenrand, als die beiden Besitzer vorsichtig ihre kalten Füße in das dampfend, heiße, natürliche Quellwasser tauchen.

S: (schnauft) Wir leben noch!
T: Die Füße von Messner sind uns auch erspart geblieben.
Beide sitzen mittlerweile bis zu den Schultern in dem leicht nach Schwefel riechenden Bad. Es ist dunkel, es herrscht Stille. Unter Sternenhimmel blickt Sebastian zu Tobi hinüber und sagt wenig später:
S: Aber irgendwie was's doch geil, oder?
T: Ein Wunder, dass diese alten Eisenhaufen sowas mitgemacht haben. Mit Harleysitz und Cruiserlenker über eine Endurostrecke………….. (Pause)
Ich glaube, dass wird nicht die letzte Fahrt für uns auf einer Royal Enfield…

Toby und Sebastian

 

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