Good night, Vietnam!

04.02.2003
 

Der vietnamesische 200 Dong-Schein in meiner Tasche sollte aufgehoben
werden, um mir an ihm eine Zigarre anzuzünden, wenn wir das Land verlassen
würden. Nach drei Wochen hatten wir von Vietnam die Schnauze gestrichen voll.
Auf dem Highway No.1, der vom Norden nach Süden führenden Küstenstrasse
kam alles zusammen, was einem Radfahrer das Leben zur Hölle macht. Kälte,
Regen und sturmartiger Gegenwind - von der Natur auferlegte Hürden- sorgten für eine
Reduzierung der durchschnittlichen Tageskilometerleistung. Zusätzlich ein
24-stündiger Schwerlastverkehr. Trucks und Busse, die in Sekundenabständen
vorbeirasen, die Erde zum erzittern bringen und nie, niemals für einen Radfahrer
bremsen würden. Mit infernalischem Gehupe vertreiben sie alles von der Strasse,
was sie am zügigen Fortkommen hindern könnte, was uns dazu nötigt, uns die
Ohren mit Klopapier voll zu stopfen.
Der tägliche Kampf auf der Strasse geht in den Ortschaften mit den
Einheimischen weiter. Sobald ein Vietnamese einen Westler sieht, scheinen
Dollarzeichen in seinen Augen aufzublitzen. Als Ausländer muss man sich in Vietnam
damit abfinden, das doppelte bis dreifache des üblichen Preises zu bezahlen,
mit der lapidaren Begründung: You are Foreigner. Doch selbst das ist den
meisten nicht genug. Fast jeder versucht uns zu bescheißen. Es wimmelt von
aggressiven Bettlern und Straßenverkäufern, die Unterkünfte gehören hier zu den
teuersten der ganzen Reise.
Wenn wir tagsüber zum Spielball der 40-Tonner werden, erwachen in uns die
schlimmsten Fantasien. Frustriert brüllen wir unsere Wut heraus. Mein sonst
eher friedlicher Reisepartner schildert mir in den Pausen seine
Foltervorstellungen an den Truckfahrern. Mir geht es nicht besser. Jedes Mal, wenn mich ein
hupendes Monster von der Strasse drängt, sehe ich mich mit einem
Baseballschläger den Schädel des Mannes zertrümmern.
Ich kann es nicht abstreiten, wir hassen das Vietnam, so wie wir es teils erleben.
Auf einer Reise wie dieser wird man gefordert. Es fordert ein gewisses Maß
an physischer Belastbarkeit, um die Anstrengungen eines langen schweren
Radfahrtages durchzustehen. Viel entscheidender ist jedoch die Psyche. In ihr
verbirgt sich der wahre Motor, der einem täglich aufs Neue vorantreibt. Auf
einer harten Etappe können die Sekunden auf dem Rad zu Minuten werden und die
Minuten zu Stunden. Es zählt der Wille.
Während der vergangenen Monate habe ich nie an meiner Willenskraft
gezweifelt. Ich wollte nach vorne. Ab und zu gab es in den frühen Morgen- oder
späten Abendstunden ein schmerzliches Gefühl in der Magengegend, was wohl als
Heimweh oder Sehnsucht nach Vertrautheit einzustufen wäre.
In Nepal erlebte ich erstmalig ein Gefühl der Antriebslosigkeit, nachdem
ein Streit mit einem Nepalesen fast gewaltsam ausgeartet ist.
Mir kamen Zweifel über den Sinn dieser Reise. Wenn ich ein Land bereise,
wenn ich mit dem Rad ins Herz einer Region eintauche, setze ich mich voll und
ganz der Kultur, den Menschen und der Umgebung aus. Kein abgehobenes Reisen
in der Entferntheit der Luxushotels und Reisebusse, wie ich es bei anderen
Travellern beobachte, die ihren Vietnamurlaub zum Zoobesuch umgestalten und sich
alles aus Distanz hinter einer Sicherheitsscheibe anschauen.
Wir hingegen sind hinter dieser Scheibe, wir sind mittendrin. Wenn wir nicht
mit den Menschen klarkommen, haben wir ein Problem.
Eines Abends saßen wir erschöpft von einer harten Etappe in einem
Restaurant in einer etwas größeren Industriestadt Südvietnams, als ein ca.
50-jaehriger Mann uns zum Bier einlud. Mäßig angetan und eher misstrauisch über
die Einladung setzten wir uns zu ihm und beantworteten monoton die üblichen
Fragen nach dem Woher und Wohin. Bei solchen Gelegenheiten verschweigen wir in
der Regel, dass wir mit Rädern unterwegs sind. Der Restaurantbesitzer
flüsterte mir zu, dass es sich bei dem Mann um einen Schriftsteller handelte.
Sein Name war Full, was für uns leicht zu merken war, denn er war schon recht
full. Auf einmal legte er los. Nietzsche hatte er gelesen, E.T.A.Hoffmann, und
Goethe konnte er zitieren. Ich machte einen Versuch und erklärte ihm, wie
wir hierher gekommen sind. Er lachte und meinte, "Eure Räder gehören in ein
Museum."
An sich hatten wir vorgehabt, früh ins Bett zu gehen, da für den nächsten
Tag eine lange Distanz vorgesehen war. Doch wer würde sich schon einen
solch gebildeten Vietnamesen entgehen lassen?
Ich stürzte mich auf ihn, überhäufte ihn mit allen Fragen, die mir seit
Grenzübertritt auf der Seele brannten. Vietnamkrieg, Menschenrechte, der
realistische Preis für eine Noodlesoup.
Zurückhaltend und mit leicht zynischem Unterton beantwortete er einige der
Fragen, wobei er uns ständig Bier nachgoss. Schließlich bot er uns an, ihn
an einen Fluss zu begleiten, wo wohl die Einheimischen trinken würden.
Warum nicht.
"Ihr könnt doch Motorbike fahren?" Er drückte mir die Schlüssel eines 110
ccm grossen Rollers in die Hand während er sich auf's daneben stehende
Gefährt setzte.
"Kannst du überhaupt noch fahren?" lallte Sebastian von hinten.
"Können die hier überhaupt fahren?' lallte ich zurück.
Es ging durch die dunklen Gassen der Stadt an einen Fluss, an dem sich
überwiegend Jugendliche um kleine Tische versammelt hatten. Bei Bier und
Trockenfisch ging es weiter mit dem Zitieren und Philosophieren.
Als wir spät nachts bierselig in unser Hotel zurückkehrten, fragte ich
mich, was diesen Menschen von den anderen Vietnamesen so unterschied. Hatten
wir einfach Pech gehabt und sind bisher den falschen Menschen begegnet?
Die sprichwörtliche Ernüchterung folgte am nächsten Tag auf dem Rad.
Vielleicht ist dieses Land nicht geschaffen für Radfahrer. Vielleicht waren wir
an den falschen Orten. Vielleicht.
Wir näherten uns der laotischen Grenze. Im Bereich der DMZ, der
De-Militarized Zone, die Nord- und Südvietnam trennt, begegnete uns eine wohl weltweit
einmalige Spezies an Touristen. Fünfzig-jährige Amerikaner mit müden Augen
und faltigen Gesichtern. Ehemalige Marines und Green Barrets, die als junge
Soldaten hier hingesand wurden, um den Frieden und die Freiheit der
westlichen Welt zu sichern und sich nie von ihrem Kriegstrauma erholen konnten. Nun
sitzen sie mit etwa gleichaltrigen ehemaligen Vietcong-Kämpfern an einem
Tisch und versuchen einen Konflikt aufzuarbeiten, den man bald nur noch aus den
Geschichtsbüchern oder Oliver Stone-Verfilmungen kennt. In der letzten Nacht
vor der Grenzübertretung setzt sich beim Essen ein freundlicher alter Vietnamese
an unseren Tisch. Er erzählt uns von seiner Zeit als Vietcongkämpfer, von
unterirdischen Tunnelsystemen und Waffennachschub aus China und Russland.
Hass gegen die Amerikaner würde es wohl kaum noch geben, sagt er. Es wäre ja
alles schon so lang her. Damals wäre man in einen Interessenkonflikt der
Supermächte geraten. Eher zufällig wurde der Konflikt in einem Land
ausgetragen, in dem sich Bauern jahrhundertelang nur für ihre Reisfelder interessiert
hatten und sich nun zwischen politischen Systemen entscheiden sollten. Er
hätte damals als 19-Jähreiger eh keine Wahl gehabt.
Am nächsten Tag geht es entlang an amerikanischen Panzerfracks in Richtung
laotische Grenze.
Unglaublicherweise verziehen sich die Regenwolken beim späten Erreichen des
Grenzübergangs. Die Abendsonne bricht durch und taucht die Umgebung in
fast schon kitschiges Rotlicht.
Ein letztes Mal blicke ich zurück über die Grenze und verabschiede mich:
Gute Nacht, Vietnam.

Toby

 

E-Mail an Tobi

zurück zu Reiseberichte